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 » Metricalizer [geteilt aus: Vorstellungs-Thread]

13.03.2016, 17:09:16
Beitrag #1
Metricalizer [geteilt aus: Vorstellungs-Thread]
(11.03.2016 13:48:45)Kairos schrieb:  Hallo zusammen,

ich habe gestern den Weg in dieses Forum gefunden. Mein Name ist Klemens und ich habe vor etlichen Jahren in Freiburg meinen M.A. in Lingustik gemacht und dort auch jahrelang geforscht und unterrrichtet. Seit einigen Jahren bin ich selbständig und verdiene mein Geld nicht mehr in der Germanistik, habe aber noch etliche Kohlen in diesem Feuer.

Aus meiner digitalen Feder stammen z.B. die Projekte echtreim.de und metricalizer.de. Dort gehen wir der Frage nach, wie man deutschsprachigen Text algorithmisch betrachten und analysieren kann. Gerade arbeiten wir an einem Konverter, der geschriebenen Text vollautomatisch nach XSAMPA und IPA umschreibt. Das klappt schon ganz gut, aber noch nicht perfekt, wie das folgende Beispiel zeigt: 'blu:|m@n|.tOpf|6|d@

Meine Spezialgebieten sind historische Sprachforschung, Kopuslinguistik, Computerlinguistik, Metrik und Sprachsynthese, am meisten interessiert mich aber immer das, was ich noch nicht kenne.

Viele Grüße

Klemens

Salute, Clemens Kairos!

Wow! (Ausruf beim Rumprobieren mit Echtreim und Metricalizer.)

Aside:

Es findet sich etwa im Hexameterschema nur die Norm der vollen "Daktylus-Zeile".
Berücksichtigt ist der Daktylus mit Auftakt im Metrum/Prosodie-Bestimmer.

Eine "normale" Abweichung - im Hexameter lässt sich an vielen Positionen der klassische Daktylus durch einen Spondeus, im Deutschen durch einen Trochäus ersetzen - ist schwer zu berücksichtigen?

Sicher bekannt, wie Pedecerto in der Oberfläche das Problem angeht, aber trotzdem hier avisiert:

http://www.pedecerto.eu/

http://www.pedecerto.eu/ricerca/avanzata

greetse
ww

[Bild: Der_Unschuldige_5.jpg]


Hallo, ich bin Willi Wamser und seit 09.04.2012 15:42 hier angemeldet.
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14.03.2016, 12:00:42
Beitrag #2
RE: Vorstellungs-Thread
Hallo Willi,

das hier ist das metrische Schema für das Distichon im Metricalizer:

1.Versmaß: + - (-) + - (-) + - (-) + - (-) + - - + -
2.Versmaß: + - (-) + - (-) + + - - + - - +

Die in Klammern gesetzten Silben sind optional. Meines Wissens sollte das alle Fälle des (deutschen) Distichons abdecken. Wenn Du in der Literatur andere Vorgaben kennen gelernt hast, dann wäre ich Dir für eine Quellenangabe dankbar, ich sehe es mir gerne an!

Bei unseren Analysen der deutschen Strophenformen haben wir übrigens herausgefunden, dass das Distichon die häufigste Strophenform des Deutschen ist Lächel Seltsam, aber wahr!

Viele Grüße

Klemens

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15.03.2016, 13:17:04
Beitrag #3
RE: Vorstellungs-Thread
Ok, war wohl unklar beschrieben.

Eingabe eines Hexametertextes, z.B.
Goethes Hermann und Dorothea.

Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne,
Die in Wolken sich tief, gewitterdrohend, verhüllte,
Aus dem Schleier bald hier, bald dort mit glühenden Blicken
Strahlend über das Feld die ahnungsvolle Beleuchtung.
»Möge das drohende Wetter«, so sagte Hermann, »nicht etwa
Schloßen uns bringen und heftigen Guß; denn schön ist die Ernte.«
Und sie freuten sich beide des hohen, wankenden Kornes,
Das die Durchschreitenden fast, die hohen Gestalten, erreichte.
Und es sagte darauf das Mädchen zum leitenden Freunde:
Guter, dem ich zunächst ein freundlich Schicksal verdanke,


Analyse:
Anzahl Strophen: 1
Anzahl Verse pro Strophe: 17
Metrum: freie Senkungspositionen
Versfuß: keiner
Versmaß

Nicht erkannt wird der Hexameter.
Wohl weil nicht klar ist, dass im vorderen Teil Daktylen durch
Trochäen (mangels deutschem Spondeus) ersetzt werden können.
Man vergleiche auch andere Problemchen, z.B. bei

Das die Durchschreitenden fast, die hohen Gestalten, erreichte.

greetse

ww


Hallo, ich bin Willi Wamser und seit 09.04.2012 15:42 hier angemeldet.
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18.03.2016, 10:09:37
Beitrag #4
RE: Vorstellungs-Thread
Hallo Willi,

die Möglichkeit, am Versbeginn zwei Senkungen zu realisieren, erfüllt die Form im Metricalizer, diese "Füllung" ist eben durch die eingeklammerte Senkung angezeigt:


+ - (-) + - (-) + - (-) + - (-) + - - + -
+ - (-) + - (-) + + - - + - - +

In Deinem Beispiel hat es andere Gründe, wieso der Metricalizer das Gedicht nicht als Distichon erkennt. In den ersten beiden Versen wäre das:

1. Hebungsprall im Pentameter ist nicht realisiert
2. Der Pentameter endet auf einer unbetonten Silbe

Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne,
Die in Wolken sich tief, gewitterdrohend, verhüllte,


müsste wie folgt lauten, wenn die reine Form des Distichons erfüllt sein sollte:

Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne,
Die in Wolken sich tief, (.)witterdrohend, verhüllt(.),


Man kann nun sicherlich streiten, wie viel Freiheit diese Form zulässt, aber meiner Ansicht nach ist es kein Distichon, und z.B. Wagenknecht, die Deutsche Metrik, S. 108 würde genau so argumentieren.

Viele Grüße

Klemens

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18.03.2016, 16:09:01
Beitrag #5
RE: Metricalizer [geteilt aus: Vorstellungs-Thread]
Hallo, Kairos/Clemens,

natürlich ist das kein Distichon.

Offensichtlich konnte ich immer noch nicht klar genug beschreiben, dass ein durchgehender Hexametertext vorliegt und eben kein Distichon mit Hexameter-Pentameter-Sequenz.
Und ein solcher "reiner" Hexametertext (s.oben Goethe, Hermann und Dorothea) wird eben nicht erkannt.

Hier ein reiner Hexametertext von 1930 (Anton Wildgans), vielleicht mal eingeben und dann ....

Zitat:Cordula hatte die Blumen der greisen chin des Pfarrers
Selbst in die che gebracht, die dürstenden Stengel in Wasser
Sorglich noch eingefrischt und dann von der freundlichen Alten
Eilig Urlaub genommen. Die Stunde, die sie noch frei war,
Wollte sie lieber allein sein. So ließ sie den Armen im Geiste
Gerne im Pfarrhof zurück, von dem Mütterchen liebreich bewirtet,
Wünschte gesegnete Mahlzeit und trat hinaus in den Abend.
Niemand begegnete ihr in dem oberen Teile des Dorfes,
Wo nur die Kirche steht und neben dem Pfarrhaus die Schule.
Stille waltete hier. Es schwiegen die Glocken und Pöller
Während des Gottesdienstes. Die altehrwürdigen Linden
Hoben das schwarze Gewirre der kaum erst knospenden Zweige
Wider den weißen Himmel, in dessen höchsten Bereichen
Immer noch Sonne war und goldenes Blitzen der Schwalben.
Da, in die Stille hinein, ertönte auf einmal der Orgel
Einfach-erhabenes Spiel, die Schreitende leise geleitend,
Bis ihr auch dieses verklang im Hohlweg, den sie hinabging.
Und hier von 2005 - Dirk Schindelbeck

Zitat:Irgendwann war er da - der Tag, als der Hamster ins Haus kam!
Monatelang schon hatte der Wunsch bestanden, ein Haustier
ganz sein eigen zu nennen, wie klein auch immer, ein Wesen
voller Unschuld und Sanftmut, ein Meerschweinchen oder ein Hamster.
Und doch waren Geburtstag, Weihnachten, Ostern verstrichen,
ohne dass dieser Wunsch der Erfüllung näher gerückt war.
Ines, neunjährig, hatte ihm dennoch stets Stimme verliehen,
und ihn beharrlich erneuert durch ständiges Bohren und Fragen.
Endlich sollten die Dinge sich wenden. Was war geschehen?

Mit den Monaten hatte der Vater - er war Pädagoge -
durch die Ernsthaftigkeit der Willenserklärung der Tochter
sich zur erneuten Prüfung der Frage getrieben gesehen.
Zwar verriet seine Miene bei weitem noch keine Erweichung
einer Haltung, die hart bis unnachgiebig im Grundsatz
immer noch war - denn als Definition blieb unangetastet,
dass ein Haustier an sich schon Unbehagen bereitet,
Ruhe und Sauberkeit in den Räumen empfindlich herabsetzt,
Wohnqualitäten, mühsam erkämpft, womöglich gefährdet.
Pädagogen-Mutter teilte diese Bedenken.
http://dirk-schindelbeck.de/archives/3057

Die entsprechenden Regularitäten finden sich z.B. bei Wagenknecht (5. Auflage, S. 161, Glossar; S. 103ff), Burdorf 3. Auflage, S.94. und viele andere

greetse

willi wamser

[Bild: images?q=tbn:ANd9GcS84vL6zQMJY8N6eOYNTCI...3w23DFSpaS]

(18.03.2016 10:09:37)Kairos schrieb:  Hallo Willi,

die Möglichkeit, am Versbeginn zwei Senkungen zu realisieren, erfüllt die Form im Metricalizer, diese "Füllung" ist eben durch die eingeklammerte Senkung angezeigt:


+ - (-) + - (-) + - (-) + - (-) + - - + -
+ - (-) + - (-) + + - - + - - +

In Deinem Beispiel hat es andere Gründe, wieso der Metricalizer das Gedicht nicht als Distichon erkennt. In den ersten beiden Versen wäre das:

1. Hebungsprall im Pentameter ist nicht realisiert
2. Der Pentameter endet auf einer unbetonten Silbe

Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne,
Die in Wolken sich tief, gewitterdrohend, verhüllte,


müsste wie folgt lauten, wenn die reine Form des Distichons erfüllt sein sollte:

Also gingen die zwei entgegen der sinkenden Sonne,
Die in Wolken sich tief, (.)witterdrohend, verhüllt(.),


Man kann nun sicherlich streiten, wie viel Freiheit diese Form zulässt, aber meiner Ansicht nach ist es kein Distichon, und z.B. Wagenknecht, die Deutsche Metrik, S. 108 würde genau so argumentieren.

Viele Grüße

Klemens


Hallo, ich bin Willi Wamser und seit 09.04.2012 15:42 hier angemeldet.
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19.03.2016, 17:23:06
Beitrag #6
RE: Metricalizer [geteilt aus: Vorstellungs-Thread]
Hallo Willi,

o Man, da stand ich wohl auf dem Schlauch! Entschuldige bitte. Du hast absolut Recht!

Ich notiere das - und wir werden das (wird aber dauern), mit ein paar Klopstock-typischen Oden dann einbinden.

Danke

Klemens

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