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 » nicht erledigt Niederdeutsch: "achter"

01.02.2016, 13:07:50
Beitrag #1
Niederdeutsch: "achter"
Hallo,
ich frage mich gerade, welche Geschichte das niederdeutsche Wort "achter" für "hinter" hinter sich hat. Im Altsächsischen ist es noch "aftar" so wie in den meisten skandinavischen Sprachen und dem Englischen. Aber bereits im Mittelniederdeutschen ist es "achter", genauso wie im Niederländischen. Eigentlich ist der Lautwandel von /-ft-/ zu /-cht-/ exklusiv niederländisch, aber wieso findet sich dieses Wort bereits ab dem Mittelniederdeutschen im Ndt.? /kraft/ und /luft/ kommen zurzeit des Mittelniederdeutschen zwar auch stellenweise als /kracht/ und /lucht/ vor (ich schätze mal aber ausschließlich gen Ostfriesland). Aber heutzutage kommt, so wie ich das überblicke, ausschließlich /achter/ mit dem niederländischen Lautwandel vor, die Form /after/ kommt nirgends mehr vor.
Weiß jemand mehr über die Zusammenhänge dahinter und wie die Verbreitung von /achter/ im Mittelniederdeutschen war? Anscheinend gab es da schon nur noch ausschließlich /achter/, keine Erwähnung von /after/.

Vielen Dank und viele Grüße,
Kevin


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
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01.02.2016, 14:40:48
Beitrag #2
RE: Niederdeutsch: "achter"
Hallo,

ich kann zwar nicht mit überzeugenden Belegen aufwarten, habe allerdings ein Vermutung, die dir vielleicht weiterhelfen oder Denkanstöße geben (denn 100% sicher über die Gründe eines Lautwandels kann man ja nie sein). Also ich nehme stark an, dass es mit dem ersten (germanischen) Lautwandel zu tun hat. Nehmen wir das Beispiel "branjan", dass sich da zum allseits bekannten "brennen" umlautwandelt. der erste Vokal rückt, phonetisch betrachtet, nach vorn und hoch (Vokaltrapez /a/ zu /e/ ). Der zweite wird zum tiefen Schwa /ɐ/, rückt also auch nach oben.
Interessant ist jetzt, dass bei aftar zu achter mit dem zweiten Vokal dasselbe passiert, mit dem ersten Vokal allerdings nicht. Ich vermute, da es sich um einen Anlaut handelt oder dies ein spezifisch niederdeutsches Phänomen ist. Der Konsonant nun wiederum vollzieht diesen Lautwandel allerdings irgendwie mit. Zwar rückt der Konsonant nicht nach oben, sondern nach hinten ( /f/ zu /ç/ ), bedenkt man jedoch, dass ein nach vorn blockiert ist aus Mangel an bilabialen Konsonanten, verändert der Frikativ seine Position strukturell schon vergleichbar zur Änderung des Vokals (eigentlich wäre es irgendwie logischer, wenn es sich zu einen /s/ wandeln würde, aber ich vermute, dass aster blockiert ist).
Ich bin nun kein Experte für den ersten Lautwandel, sodass ich hier wirklich nur spekulieren kann. Vielleicht bringt es ja etwas einmal mit den Plosiven zu vergleichen. Was passiert während des ersten Lautwandels im Niederdeutschen mit dem /p/ in der Koda der ersten Silbe bei Wörtern mit Vokal im Anlaut? Vielleicht findet man auch Wörter, die mit Vokalen beginnen und solche, die mit Konsonanten beginnen und kann die mal miteinader vergleichen? Den Vergleich von Plosiven mit Frikativen halte ich für fruchtbar, da beide einen großen und vergleichbaren Umfang ein Lauten haben.
Ich hoffe, ich konnte dir einige Anregungen geben.

Viele Grüße,
Johannes

(01.02.2016 14:40:48)JMV schrieb:  Hallo,

ich kann zwar nicht mit überzeugenden Belegen aufwarten, habe allerdings ein Vermutung, die dir vielleicht weiterhelfen oder Denkanstöße geben (denn 100% sicher über die Gründe eines Lautwandels kann man ja nie sein). Also ich nehme stark an, dass es mit dem ersten (germanischen) Lautwandel zu tun hat. Nehmen wir das Beispiel "branjan", dass sich da zum allseits bekannten "brennen" umlautwandelt. der erste Vokal rückt, phonetisch betrachtet, nach vorn und hoch (Vokaltrapez /a/ zu /e/ ). Der zweite wird zum tiefen Schwa /ɐ/, rückt also auch nach oben.
Interessant ist jetzt, dass bei aftar zu achter mit dem zweiten Vokal dasselbe passiert, mit dem ersten Vokal allerdings nicht. Ich vermute, da es sich um einen Vokal im Anlaut handelt oder dies ein spezifisch niederdeutsches Phänomen ist. Der Konsonant nun wiederum vollzieht diesen Lautwandel allerdings irgendwie mit. Zwar rückt der Konsonant nicht nach oben, sondern nach hinten ( /f/ zu /ç/ ), bedenkt man jedoch, dass ein nach vorn blockiert ist aus Mangel an bilabialen Konsonanten, verändert der Frikativ seine Position strukturell schon vergleichbar zur Änderung des Vokals (eigentlich wäre es irgendwie logischer, wenn es sich zu einen /s/ wandeln würde, aber ich vermute, dass aster blockiert ist).
Ich bin nun kein Experte für den ersten Lautwandel, sodass ich hier wirklich nur spekulieren kann. Vielleicht bringt es ja etwas einmal mit den Plosiven zu vergleichen. Was passiert während des ersten Lautwandels im Niederdeutschen mit dem /p/ in der Koda der ersten Silbe bei Wörtern mit Vokal im Anlaut? Vielleicht findet man auch Wörter, die mit Vokalen beginnen und solche, die mit Konsonanten beginnen und kann die mal miteinader vergleichen? Den Vergleich von Plosiven mit Frikativen halte ich für fruchtbar, da beide einen großen und vergleichbaren Umfang ein Lauten haben.
Ich hoffe, ich konnte dir einige Anregungen geben.

Viele Grüße,
Johannes

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01.02.2016, 15:03:01
Beitrag #3
RE: Niederdeutsch: "achter"
Wie immer in der Entwicklung der moderneren germanischen Sprachen wird es sich wohl um eine dubiose Mischung aus Sprachkontakt, überdialektalen, sich wellenförmig ausbreitenden und abebbenden Lautwandelprozessen (in diesem Fall mit Zentrum Niederlande und Abflauen im östlichen und nördl. mndt. Sprachgebiet) einerseits und schriftsprachlicher Normierung (inkl. Zurückdrängung) mit Auswahl dialektal unterschiedlicher bzw. hochdt.-beeinflusster Formen andererseits handeln. Vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik (§296: -ft > -cht vor allem hinter Vordervokal ehm. gesamtniederdt. regulär).

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01.02.2016, 15:50:49
Beitrag #4
RE: Niederdeutsch: "achter"
Korrektur: /ç/ ist natürlich falsch. Gemeint ist /x/

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01.02.2016, 21:22:05
Beitrag #5
RE: Niederdeutsch: "achter"
Wir haben hochdt. der After, aber der tut hier nix zur Sache. Dass achter(n) im Deutsvhen mit niederländischem Lautstand verwendet wird, dürfte sich darauf zurückführen lassen, dass zu Zeiten der Hanse sehr viel Terminologie aus den Bereichen Nautik und Schiffbau aus dem Niederländischen übernommen wurde. Die Niederländer und ihre Technologie waren seinerzeit nämlich sehr gefragt. Das erklärt auch, warum wir ein paar andere Termini haben, die nicht plausibel in die (hoch)deutsche Lautgeschichte passen würden: Klüwer, Steven, u.a.


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06.02.2016, 12:46:50
Beitrag #6
RE: Niederdeutsch: "achter"
Zitat:Wie immer in der Entwicklung der moderneren germanischen Sprachen wird es sich wohl um eine dubiose Mischung aus Sprachkontakt, überdialektalen, sich wellenförmig ausbreitenden und abebbenden Lautwandelprozessen (in diesem Fall mit Zentrum Niederlande und Abflauen im östlichen und nördl. mndt. Sprachgebiet) einerseits und schriftsprachlicher Normierung (inkl. Zurückdrängung) mit Auswahl dialektal unterschiedlicher bzw. hochdt.-beeinflusster Formen andererseits handeln. Vgl. Lasch, Mittelniederdeutsche Grammatik (§296: -ft > -cht vor allem hinter Vordervokal ehm. gesamtniederdt. regulär).
Danke für den Tipp mit Lasch, hatte ihr Buch noch ausgeliehen hier rumliegen. Das liefert einiges Interessantes zutage und es werden ein paar weitere Fälle genannt, die noch immer umgelautetes -cht- haben: ndt "sacht(en)" (dt. "sanft", laut Nasal-Spiranten-Gesetz kein /n/ for /f/ und später /ft/ zu /cht/), ndt. Gerücht (dt. hat es aus dem Ndt. entlehnt, Mittelhochdeutsch hieß es noch "geruofte"), ndt. echt (dt. hat es aus dem Ndt. entlehnt, früher "ehacht", Dt. hatte "ehaft"), ndt. süchten (dt. seufzen).
In Mecklenburg hat sich bis heute noch "Lucht" für "Luft" gehalten. Der Lautwandel muss also wahrscheinlich über dem gesamten niederdeutschen Sprachbereich zu einem gewissen Maße vorhanden gewesen sein.
Es soll seinen Ausgang auf fränkischem Boden genommen haben und ist dann schwächer werdend gen Osten und Norden gegangen. Dänisch hat "kragt, bekregtige, -agtig" entlehnt. In Laschs Formulierung klingt es so, als ginge sie davon aus, dass -ft- > -cht- selbst für das Nordniederdeutsche anzusetzen war und erst später wieder zurückgedrängt wurde, bzw. es Parallelformen gab.


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