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 » Erledigt: Heute Heute Vorangestelltes Es
▶ Wie nennt man das "vorangestellte Es" heute?

17.12.2010, 01:16:21
Beitrag #1
Vorangestelltes Es
Ich beziehe mich auf Karl Kraus' Beitrag über "Es" in der Fackel vom Juni 1921. Ähnliche Gedanken äußerte Kraus in den Briefen an Sidonie Nádherny.

Es geht mir um die grammatische Analyse von Sätzen der Form "Es tat X Y."

Beispiele:

"Es sah ein Knab' ein Röslein steh'n."
"Es führt' über den Main eine Brücke aus Stein."
"Bleib bei uns, denn es will Abend werden."
"Es war einmal ein König, der ..."
"Es wurde Licht."
"Es regnet."

Mich drängt zu verstehen, wie solche Sätze oberflächen-grammatisch zu analysieren sind: Wo ist das grammatikalische Subjekt? Und wenn es zwei gibt: In welcher Beziehung stehen sie?

Kraus nannte das grammatische Phänomen "vorangestelltes Es". Wie heißt es heute? Und wie wird es analysiert?

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18.12.2010, 12:34:28
Beitrag #2
RE: Vorangestelltes Es
Hallo,
was mir spontan dazu einfällt ist ein etwas älterer Aufsatz von C.-P. Herbermann, in dem er verschiedene Subjektbegriffe unterscheidet und über mehrere Seiten diese "Es regnet"-Sätze diskutiert und letztlich zu dem Schluss kommt, dass hier gar kein Subjekt (weder grammatisches noch logisches noch psychologisches) lexikalisch manifestiert ist. Das es ist aufgrund seiner Distributionsbedingungen ein Scheinreflexivum, das Teil der lexikalischen Definition von regn- ist.

Q.: Herbermann, Clemens-Peter: Gibt es subjektlose Sätze? Eine Untersuchung zu den begriffen 'Subjekt' und 'Prädikat' (sowie 'Thema' und 'Rhema'). In: Acta Linguistica Academiae Scientiarum Hungaricae 33(1-4) (1983), 13-63.


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24.12.2010, 16:23:50
Beitrag #3
RE: Vorangestelltes Es
Das "es" in unpersönlichen Ausdrücken nennt man auch Expletivum oder Nullpronomen. Das Expletivum wird nicht als vollwertiges Subjekt angesehen und ist semantisch leer. In Null-Subjekt-Sprachen tritt an dieser Stelle niemals ein Expletivum auf, was ebenfalls zeigt, dass diese Subjektstelle zugrunde liegend leer ist. Einzig und allein, weil in einer Subjektsprache ein syntaktisches Subjekt auftreten muss, findet sich "es".
Wetter- und Witterungsverben, das Passiv von intransitiven Verben und die rhetorisch-poetische Umstellung erfordern ein Expletivum. Auch in den deutschen "Ergativ"-Strukturen kommt das "es" vor: "Es friert mir." sowie bei unpersönlichen Ausdrücken wie: "Es scheint, dass ..." oder "Es gibt ...".


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
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13.01.2011, 13:01:02
Beitrag #4
RE: Vorangestelltes Es
Zu dem Thema passt irgendwie ein Aufsatz, den ich gerade entdeckt habe: Eriksen / Kittilä / Kohlemainen: The linguistics of weather: cross-linguistic patterns of meteorological expressions. In: Studies in Language 34.3 (2010), 565-601.


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13.01.2011, 13:10:34
Beitrag #5
RE: Vorangestelltes Es
Vielen Dank für den Hinweis, klingt spannend!

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15.02.2011, 23:13:26
Beitrag #6
RE: Vorangestelltes Es
(17.12.2010 01:16:21)hpstricker schrieb:  Kraus nannte das grammatische Phänomen "vorangestelltes Es". Wie heißt es heute? Und wie wird es analysiert?

Wenn ich mich recht entsinne, gibt es vier Arten von "es"
1. Personalpronomen-es: Satzglied
2. Expletives-es: es ohne thematische Rolle
a) als formales Subjekt (Satzglied --> "Es regnet.")
b) als formales Objekt (Satzglied --> "Er hat es eilig.")
3. Vorfeld-es (Platzhalter-es -->""Es führt' über den Main eine Brücke aus Stein."), kann nur im Vorfeld stehen
4. Korrelat-es
es bezieht sich hier auf einen im Nachfeld produzierten Satz ("Es ist sicher, dass ich keinen Unsinn schreibe.")

Gruß
Sid Key


Hallo, ich bin Sid Key und seit 15.02.2011 hier angemeldet.
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23.06.2011, 17:49:47
Beitrag #7
RE: Vorangestelltes Es
Zitat:3. Vorfeld-es (Platzhalter-es -->""Es führt' über den Main eine Brücke aus Stein."), kann nur im Vorfeld stehen

Der einschlägige Test zum Erkennen eines Vorfeld-Es besteht darin, dass ein Interrogativ-Satz entsteht, wenn es weggelassen wird. Genau das ist in diesem Beispiel der Fall.

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