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[Kogn]: Psycholinguistik, Sprache & Kognition, Neurolinguistik  » nicht erledigt Denken und Sprache
▶ Denken ohne Sprache?

02.04.2011, 21:43:30
Beitrag #1
Denken und Sprache
Hallo ihr lieben,

immer wieder beschäftige ich mich mit der Frage, inwiefern unser Denken mit der Sprache, die wir sprechen, verknüpft ist. Können wir ohne Sprache denken? Wird unser Denken geformt von der Struktur unsrer Sprache? Wüden Linguisten und Psychologen das Denken überhaupt als bewusste Tätigkeit bezeichnen?
Was denkt ihr?;D

Grüße


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03.04.2011, 12:15:42
Beitrag #2
RE: Denken und Sprache
Hallo,
ein sehr interessantes Thema, dem sich ja die Sapir-Whorf-Hypothese widmet. Dass dort ein Zusammenhang ist, scheint klar zu sein. Die Frage ist nun, inwieweit das Denken oder die Sprache das jeweils andere beeinflusst. Die Hypothese-Puristen sind der Meinung, die Sprache würde das Denken maßgeblich beeinflussen. Menschen der einen Sprache würden andere Denkprozesse haben als die Sprecher einer anderen Sprache. Dazu gibt es verschiedene Experimente, deren Anwendbarkeit allerdings immer etwas problematisch ist und daher zu dieser Hypothese meist ein gewisser Relativismus herrscht. Es wird daher angenommen, dass einerseits die Struktur einer Sprache Auswirkungen auf das Denken haben kann, aber auch andersrum das Denken die Sprache beeinflussen kann. Von einer kompletten Gültigkeit der Hypothese wird allerdings meist abgesehen.
Die Welt kann man eben auch ohne Sprache erfahren. Wolfskinder und so zeigen ja eben, dass man auch ohne Sprache auskommt. Auch wenn dann der Unterschied zwischen der Menschenkultur und angelernte Tierkultur sehr deutlich wird.
Ansonsten denkt man ja aber auch vieles in Form von Bildern. Wenn du dir das Gesicht von jemandem merkst, tust du dies ja nicht in Form von Formulierungen sondern als gespeicherte bildhafte Erinnerungen. Sprache dient natürlich als Informationsballung und vor allem dem Austausch von Informationen. Dass die Sprache das Denken beeinflussen kann, scheint mir plausibel, aber es gibt noch weitaus mehr.

LG
Kevin


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03.04.2011, 12:59:29
Beitrag #3
RE: Denken und Sprache
(02.04.2011 21:43:30)pragmagnet32 schrieb:  immer wieder beschäftige ich mich mit der Frage, inwiefern unser Denken mit der Sprache, die wir sprechen, verknüpft ist. Können wir ohne Sprache denken?

Das hängt einerseits davon ab, was Du unter "denken" verstehen willst, andererseits davon, was Du unter "Sprache" verstehen willst. Die Kopflastige antwort ist: Es gibt mit Sicherheit bewusst gesteuerte kognitive Prozesse, die ohne das symbolische Zeichensystem Sprache auskommen. Stell Dir mal vor, du trinkst gerade einen leckeren, heißen Espresso -ja, ich denke immer nur an das Eine Coffeemug - das, was da jetzt in Deinem Kopf vor sich geht, würde ich schon "denken" nennen, und das geht ganz ohne Sprache, oder?

(02.04.2011 21:43:30)pragmagnet32 schrieb:  Wird unser Denken geformt von der Struktur unsrer Sprache?
Ich glaube, dass da eine Dreiecksbeziehung vorliegt: Kognitionsfähigkeiten - Kultur - Sprachmittel alle drei haben sich in wechselseitiger Abhängigkeit über die letzten Jahrhuderttausende (weiter)entwickelt.

Der beste Text, den ich dazu kenne, ist leider noch unveröffentlicht. Wie ich im Thread "Völlig andere Ebene der Sprache" schon schrieb:
(29.03.2011 09:38:11)janwo schrieb:  Was die kognitiven Fähigkeiten und deren Erweiterung angeht kann ich Dir empfehlen, die Arbeiten von Michael Tomasello zu lesen (z.B. Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation, Suhrkamp, 2011), oder das demnächst erscheinende Buch Cognitive Fire von Daniel Everett.
Außerdem lesenswert, wenn es um die Entwicklung der Sprache geht:
  • Jared Diamond: Der dritte Schimpanse. Fischer Verlag.
  • Robbins Burling: The talking ape. Oxford Univ. Press.
  • Maggie Tallerman (ed.): Language Origins. Perspectives on Evolution. Oxford Univ. Press.
  • Morris Swadesh: The Origin and Diversification of Language. Aldine Atherton.
  • Geoffrey Sampson, David Gil, Peter Trudgill (eds.): Language complexity as an evolving variable. Oxford Univ. Press.

(02.04.2011 21:43:30)pragmagnet32 schrieb:  Wüden Linguisten und Psychologen das Denken überhaupt als bewusste Tätigkeit bezeichnen?
Wie gesagt, das ist eine Frage, wie Du "denken" definierst.

(02.04.2011 21:43:30)pragmagnet32 schrieb:  Was denkt ihr?;D
Ich denke, das könnte eine spannende Diskussion werden. Tippt


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03.04.2011, 19:05:58
Beitrag #4
RE: Denken und Sprache
Naja, stellen wir als "Denken" einmal sämtliche kognitive Prozesse hin, inbegriffen selbst die Intuition, so in irgdendwie "verbalisierter" Form. Also ausdrücklich nicht nur das Denken in propositionaler Form. Kann man da -je nach Sprache und Kultur, anlehnend an die oben genannte Dreiecksbeziehung- verschiedene Wahrnehmungen haben, die sich untereinander deutlich unterscheiden? Es gibt ja das geniale Buch "Through the language glass" von Guy Deutscher, in dem die utnerschiedlichen Farbwahrnehmungen untersucht werden, wobei es tatsächlich Erstaunliches zu entdecken gibt. Kann ich zu diesem Thema nur empfehlen!

Grüße

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03.04.2011, 20:14:04
Beitrag #5
RE: Denken und Sprache
Das Problem, z.B. bei der farbwahrnehmung ist, dass die intrasprachlie Variationsbreite mitunter größer ist, als die intersprachliche Variation, dass also auch die Farbwahrnehmuung oder zumindest die Farbbezeichnungskategorisierung auch innerhalb einer Sprache stark unterschiedlich sein kann. Und nur von den bezeichnungen her kann man schlecht auf die Wahrnehmung schließen. Rein anatomisch jedenfalls sind wir alle mehr oder weniger gleich gut oder schlecht in der Lage, unterschiedliche Lichtwellenlängen auseinander zu halten, auch wenn wir nicht für jede einen eigenen Namen haben.


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04.04.2011, 11:39:40
Beitrag #6
RE: Denken und Sprache
Das Problem ist auch, dass es für manche Farben auch keine direkten Namen gibt in einer Einzelsprache, ein Sprecher sie aber trotzdem wahrnehmen kann, aber unter einem anderen Namen verbucht, weil er keinen Namen kennen würde. Im deutschen Sprachgebiet gibt es ja auch jedesmal Familiendiskussionen darüber, ob türkis nun blau oder grün sei.
Letzendlich hat sich ja aber auch herausgestellt, dass im Grunde jede Kultur die Basisfarben gleich wahrnimmt, mit nur geringen Verschiebungen, aber die Bereiche decken sich trotzdem alle in einem Punkt.
Es gibt wohl einen gewissen Zusammenhang zwischen Farbbenennung und Farbwahrnehmung, der sich aber höchstens in Nuancen äußert, nicht aber wirklich auf gravierende Unterschiede hinausläuft.


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04.04.2011, 21:40:30
Beitrag #7
RE: Denken und Sprache
Nun, gut, danke, dann hätten wir den Punkt "Farbwahrnehmung" ja jetzt geklärt. Ich find's klasse, dass ihr so viel wisst und euer Wissen mit nicht ganz so Intellektuellen teilt Big Grin
Aber nochmal zurück zum allgemeinen Zusammenhang zwischen Sprache und Denken, wie ich es definiert habe. Könnte man dann ohne Sprache denken? Selbsterdend "denke" ich nicht direkt wenn ich einen leckeren Espresso trinke, aber irgendetwas stelle ich mir dabei ja schon vor. Nehmen wir ein anderes Beispiel: wenn ich "Baum" denke, dann habe ich das Wort im Sinn und ein zugehöriges konkretes Bild. Und wenn ich "Demokratie" denke? Oder "Freiheit"? Muss ich mir dies dann in Gedanken- in verbalisierter Form- umschreiben, mit der Sprache und den Worten, über die ich verfüge?

LG


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05.04.2011, 16:38:14
Beitrag #8
RE: Denken und Sprache
Ich denke das Problem ist, dass das Denken durch die Sprache allgemein stark geprägt ist, aber nicht nur dadurch existent ist. Sprache dient ja auch eben der Informationsübermittlung; ohne Sprache wäre es schwer, jemandem Demokratie oder Desoxyribonukleinsäure zu vermitteln. Sicherlich wäre es irgendwie durch Bilder möglich, aber das kommt nicht an das Mittel der Sprache heran. In der Tat, so nehme ich es wahr, denkt man die meiste Zeit rein in Bildern ohne Text. Vielleicht schwingt der lautliche/geschriebene Name einer Sache im Hintergrund mit, wenn man an einen Baum denkt. Aber das Sinnesorgan mit dem größten Anteil sind nun einmal die Augen und die bildhaften "Bilder" im Gehirn stehen da auch den lautlichen "Bildern" mit einer viel größeren Mehrheit entgegen. Aber dass Sprache an sich das Denken auf enorme Weise beschleunigt und verändert, ist ja klar. Die Sapir-Whorf-Hypothese zum Beispiel geht ja darüber hinaus und betrachtet, ob und wie es eben Unterschiede zwischen den einzelnen Sprachen gibt. Ist es Sprache allein, die das Denken verändert, oder sind es Einzelsprachen, die es verschieden prägen?


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03.06.2011, 11:08:47
Beitrag #9
RE: Denken und Sprache
Die Frage steht ja schon ein bisschen länger im Raum, aber ich würd gern noch die kognitiv linguistische Perspektive hinzufügen Lächel

aaaaaalsooo:

Die Frage nach Sprache und Denken lässt sich ja in zwei Richtungen beantworten:

1. Denken wir in Sprache? Und wie sieht dann diese Denksprache aus?
2. Hat die Sprache, die wir Sprechen Einfluss darauf, wie wir denken?

zu 1.
Fodor hat dazu eine ganze Theorie entwickelt: Language of Thought (LoT). Dabei haben alle Menschen das angeborene "Mentalesisch", in dem Gedanken und das Denken ausgeführt werden. Mentalesisch ist dabei eindeutig, Uneindeutigkeiten treten erst bei den Transformationsprozessen auf, die Mentalesisch in die jeweilige Sprache umwandeln. Steven Pinker hat sich noch nicht ganz von dieser Idee verabschiedet. Ein schönes Video dazu:

http://www.ted.com/talks/steven_pinker_o...ought.html

zu 2.

es gibt gerade so etwas wie einen Boom des "Neo-Whorfianism", also Ansätze, die auf der Annahme von sprachlicher Relativität aufbauen. Es ist relativ, wie stark der Einfluss von Sprache auf Denken gewertet wird. Ganz grob lassen sich vier Strömungen unterscheiden:

1. Context-independent / Language-general: Language creates (the illusion of) conscious mental states (Dennett, 1991)
2.Context-independent / Language-specific: Language patterns affect thought (Whorf, 1956)
3. Context-dependent / Language-general: Language is used as a psychological tool to mediate thought (Vygotsky, 1978)
4. Context-dependent / Language-specific: When in the act of speaking, thought is influenced by language-specific patterns (Slobin, 1996)

Am prominentesten ist wohl Dan Slobin'S Thinking for Speaking Hypothese, die auf seinen Beobachtungen basiert, dass Sprecher verschiedener Sprachen die berühmte "Frogstory" auf ganz unterschiedliche Art und Weise erzählen. Dazu hier ein interessantes Interview:
http://ihd.berkeley.edu/Slobin-Language%...rview).pdf oder auch Wikipedia.

Was Sprachentwicklung angeht, so scheinen alle Kinder gleich zu ticken, die eben genannten Einzelsprachlichen unterschiede entwickeln sich erst nach scheinbar universellen, zumindest mit Hinblick auf Motion Events.

'nuff said for now
Aetsch

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03.06.2011, 13:20:52
Beitrag #10
RE: Denken und Sprache
(03.06.2011 11:08:47)megamo schrieb:  Was Sprachentwicklung angeht, so scheinen alle Kinder gleich zu ticken, die eben genannten Einzelsprachlichen unterschiede entwickeln sich erst nach scheinbar universellen, zumindest mit Hinblick auf Motion Events.

Das stimmt so nicht ganz. Melissa Bowerman und Soonja Choi haben in einer Reihe von Artikeln gezeigt, dass Englisch- und Koreanisch-lernende Kinder sehr unterschiedliche Konzepte von räumlichen Relationen haben. Die Konzepte folgen denen, die es in den beiden Sprachen jeweils gibt. Während es im Englischen wichtig ist, ob zwei Gegenstände in einer IN- oder ON-Relation sind, ist im Koreanischen entscheidend, wie stark die Verbindung zwischen zwei Objekten ist (ein Apfel, der in einer Schüssel liegt, ist nur schwach mit ihr verbunden; ein Buch, das in einem Schuber steckt, ist hingegen stark mit ihm verbunden).

Siehe dazu:
Sie schließen daraus, dass (zumindest im Erwerb räumlicher Relationen) keine unversellen Konzepte da sind, sondern die Kinder ihre Konzepte aus dem Input formen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das genauso in anderen Bereichen funktioniert (z.B. Farben).

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03.06.2011, 13:35:17
Beitrag #11
RE: Denken und Sprache
Ich bin ja bekennender Bowermann-Fan Lächel Und, ja, schon ziemlich früh benutzen Kinder die Bezeichnungen, die für ihre Sprache "typisch" sind, aber die entwickeln sich aus groberen Kategorien. Siehe dazu den ersten Link, S. 478, Abschnitt in der Mitte. Da sieht man, dass es einen Unterschied zu geben scheint, zwischen kognitiven und linguistischen Kategorien Lächel

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07.04.2012, 21:42:32
Beitrag #12
RE: Denken und Sprache
ich bin laie und kann keine tolle literatur oder theorien zu dem thema heranziehen.. das ganze ist aber eine frage, die mich schon lange beschäftigt.
ich hab also angefangen mich und mein denken zu beobachten und quasi im selbstversuch ist mir folgendes aufgefallen:
wenn ich an etwas denke, dann oft in bildern, gerüchen, tönen, sensitiven empfindungen oder geschmäckern...
wenn ich über etwas nachdenke dann in sprache oder in bildern.. das sind dann allerdings metaphern und im grunde nur eine visuell unterstützte art der sprache
weiterhin ist mir aufgefallen, dass menschen, die sich in agression flüchten oft nicht gut formulieren können
auserdem ist mir erst gestern als ich die finnische grammatik gegoogled habe (zum spaß) aufgefallen, dass die statt "ich habe.." "bei mir ist..." sagen. das ist also keine aktive tätikeit der person, sondern etwas auf das selbige keinen einfluss hat, was gut mit der fatalistischen denkweise der nordischen völker zusammengeht (die sind ja heute anders drauf aber ich meine, wenn man sich deren götterhimmel und die sache mit den nornen, die den lebensfaden für jeden schon längst gesponnen haben, wo also schon alles entschieden ist ansieht...und das war ja die relevante zeit für die sprachentwicklung), ist beim gäischen genauso...

wie gesagt, ich bin laie und das hier ist ziehmlich unstrukturiert aber ich hab einfach mal geschrieben, was sich bei meiner persönlichen gedankenschurbelei schon ergeben hat... ich bin da noch nicht ganz fertig^^
ich denke also, dass die sprache von der kultur abhängt und hand in hand mit der art wie wir nachdenken geht.


auf tiegerjagd im wörterbuch
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08.04.2012, 21:44:12
Beitrag #13
RE: Denken und Sprache
(07.04.2012 21:42:32)Karoliina schrieb:  wenn ich über etwas nachdenke dann in sprache oder in bildern.. das sind dann allerdings metaphern und im grunde nur eine visuell unterstützte art der sprache
Es ist aber schon von der "Logik" der Evolution her so, dass dieses Bilderdenken ursprünglicher sein dürfte, als das sprachbasierte Denken. Denken, Kongnition allgemein, ist ja quasi eine Voraussetzung für Sprache.

(07.04.2012 21:42:32)Karoliina schrieb:  weiterhin ist mir aufgefallen, dass menschen, die sich in agression flüchten oft nicht gut formulieren können
Mag sein. Dann ist die Kausalität aber so herum. Die "sprachliche Impotenz" ist der Grund für die Aggression.

(07.04.2012 21:42:32)Karoliina schrieb:  auserdem ist mir erst gestern als ich die finnische grammatik gegoogled habe (zum spaß) aufgefallen, dass die statt "ich habe.." "bei mir ist..." sagen. das ist also keine aktive tätikeit der person, sondern etwas auf das selbige keinen einfluss hat, was gut mit der fatalistischen denkweise der nordischen völker zusammengeht
Das ist vielleicht ein bisschen zu vereinfacht und platt. Auch wenn erst unlängst jemand noch damit eine gewisse Verbreitung mit dem Vorschlag landen konnte, dass bestimmte Arten des sprachlich-grammatischen Zukunftsbezuges einen Einfluss auf die ökonomische Cleverness der Sprecher haben solle. (Dazu und zu anderen Ideen mehr ☞ hier.)

(07.04.2012 21:42:32)Karoliina schrieb:  (die sind ja heute anders drauf aber ich meine, wenn man sich deren götterhimmel und die sache mit den nornen, die den lebensfaden für jeden schon längst gesponnen haben, wo also schon alles entschieden ist ansieht...und das war ja die relevante zeit für die sprachentwicklung), ist beim gäischen genauso...
Die "relevante Zeit" ist immer. Jede lebende Sprache ist dabei, sich (weiter) zu entwickeln.Es ist auch keineswegs so, dass grammatische Parameter einer Sprache nur einmal "festgelegt" werden, wenn sie entsteht, und sich dann nicht mehr ändern (können). Und die ein bis zwei Jahrtausende, die vergangen sind, seit die Nornen, Odin und Co. in Mode waren, reichen durchaus auch aus, um sich sprachlich umzustellen.

(07.04.2012 21:42:32)Karoliina schrieb:  ich denke also, dass die sprache von der kultur abhängt und hand in hand mit der art wie wir nachdenken geht.
Vermutlich ist das so, aber diese Wechselbeziehung ist viel komplizierter als wir alle uns eingestehen wollen.


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09.04.2012, 00:30:55
Beitrag #14
RE: Denken und Sprache
ja ich neige dazu dinge stark zu vereinfachen ^^... manchmal geh ich dabei zu weit
das mit der agression ist mir nur so aufgefallen.. der zusammenhang wäre noch zu untersuchen
dann wäre noch interessant wie alt sprache denn jetzt eigentlich ist.. um zu klären wie die bilder damit zusammenhängen... ich weiß das gar nicht.. wie alt ist denn jetzt sprache überhaupt?.. also wenn wir mal über die körpersprache und grundlaute wie fauchen, grunzen und so weiter hinausgeht
und mir ist noch etwas eingefallen... es gibt beschreibungen darüber, wie leute nachdenken von einer meiner lieblings krimiautorinnen.. das ist natürlich fiktiv aber ich habe diese muster schon bei mir selbst und auch bei anderen bemerkt...
ich hab also ein denken, dass im untergrund stattfindet... wie ein vierenprogramm, dass man nicht sieht oder wie die autorin sich ausdrückt, die gedanken wie fische im kopf auf und ab tauchen lassen, bis irgendwann der richtige auftaucht... das ist etwas unbewusstes.. man hat ein problem und bearbeitet es unbewusst, die lösung ploppt dann irgendwann auf.. wie das dialogfenster mit "scann abgeschlossen" das geschieht nicht nur wortlos sondern auch völlig unbewusst.. und dann ist da das grübeln und brüten... die autorin nennt es "plattentektonik" man schiebt ganz bewusst die gedanken wie kontinentalplatten hin und her, lässt sie sich auflösen und neu zusammensetzen, das geschieht in worten und bildern..also bei mir.. und auch bewusst... es ist harte arbeit plattentektonik zu betreiben ^^
ich bin nicht sicher was das jetzt aussagt, aber es erschien mir erwähnenswert
wie denkt denn ihr andern so?


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11.04.2012, 14:00:50
Beitrag #15
RE: Denken und Sprache
Hier noch ein paar Hinweise auf den Einfluss von Sprache auf Kognition (non-linguistic cognition):

"Rethinking Linguistic Relativity" by John Joseph Gumperz, hat die Richtung des "Neo-Whorfianisms" in Gang gebracht.

John Lucy hat viele Artikel geschrieben, in denen er z.B. zeigt dass das sprachliche Referenzsystem (also ob man ein links-rechts System hat, oder ein System das auf Himmelsrichtungen beruht) Einfluss darauf zu haben scheint, wie Sprecher die Position von Dingen in einem Experiment erinnern.

Dann gibt es noch Studien, die die sprachliche Kategorisierung von Gegenständen untersuchen (z.B. Malt 1999 "Artifact Categorization"), die herausfinden, dass Sprachen die einzelnen Gegenstände unterschiedlichen Kategorien zuordnen (so ist ein Gefäss zum Mitnehmen von Heissgetränken auf Deutsch ein "Becher", auf Russisch aber ein "Glass"). Diese Unterschiede verschwinden jedoch, wenn man die Teilnehmer Bilder von Gefässen sortieren lässt...

Oder Studien von Christine von Stutterheim, die in Experimenten mit Eyetracking zeigen, dass Teilnehmer mit einer Muttersprache, die obligatorisch aspektuelle Unterschiede markiert ("progressive" im Englischen) beim Betrachten von Videos auf die sich bewegenden Figuren achten, und Sprecher des Deutschen, ohne Aspektmarkierung, auf das möglice Ziel der sich bewegenden Figuren schauen. Sie nennen das "seeing-for-speaking" und also Einfluss der Sprache auf Ereignisskonzeptualiserung.

Das ist natürlich ein etwas engerer Begriff von "Denken", aber es erscheint schwerer, den Einfluss von Sprache auf Gefühle zu untersuchen (aber hierzu gibt es ja auch Literatur, z.B. Wierzbicka, über "Gefühlskategorien")...

von Stutterheim und John Lucy finden also Einfluss von Sprache auf kognitive Prozesse.

Cool

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