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[Allg]: Allgemeines, Linguistik als Disziplin  » nicht erledigt Gegen das Sprachensterben!

19.01.2012, 02:21:32
Beitrag #1
Gegen das Sprachensterben!
Mich beschäftigt schon lange, daß so viele Sprachen auf der Welt bedroht sind. Es sind schon immer Sprachen verschwunden. Aber es ist eine Erscheinung der letzten 100 Jahre, daß so viele in recht kurzer Zeit auf der ganzen Welt bedroht sind.

Manche sehen es als Unfug an, Sprachen wieder neu zu beleben oder zu bewahren. Ich bin aber entschieden dafür.

Das Verschwinden von Sprachen ist für viele Menschen während eines gewissen Zeitraumes immer mit Gefühlen des Verlustes und des Beraubtseins verbunden. In der Zeit des Sprachwechsels kann ein recht plötzlicher Bruch stattfinden, was mit einem Gefühl der Entwurzelung einhergeht bei jungen Leuten. Auch aus Achtung vor den verbliebenen Muttersprachlern sollte man dem Niedergang von Sprachen nicht tatenlos zusehen.

Ohne verschiedene Sprachen und Eigenheiten von Völkern wäre die Welt eintönig. Genauso wäre die Welt ohne unterschiedliche Musik langweilig. Sprache und Musik haben gemeinsam, daß sie ganz eigene Klänge haben. Außerdem sind mit Sprachen verschiedene Überlieferungen verbunden. Oder ist man geneigt, alte, denkmalwerte Bauten, die verfallen sind und leerstehen, einfach abzureißen? Eher nicht! Ich finde, daß es ein Verlust für Europa ist, daß heute nicht veränderte Formen des Gallischen, Iberischen usw. an Stelle der romanischen Sprachen gebraucht werden.

Die Zukunft von Sprachen ist kein unabänderbares Schicksal. Es liegt an den Sprechern, wie sie sich entscheiden. Es gibt im Irischen ein Sprichwort, das übersetzt heißt: Sprich es und es wird leben!

Natürlich brauchen wir heute auch Sprachen der überörtlichen Verständigung. Damit auch kleine Sprachen weiterhin ihren Platz haben, brauchen wir klare Anwendungs-bereiche im Bewußt sein von Menschen. Das bedeutet den Gebrauch von überörtlichen Sprachen nur, wenn es notwendig ist. Ansonsten bin ich dafür, wenn möglich die Mutter- oder einheimische Sprache von einem oder mehrerer Gesprächspartner zu gebrauchen. Manchmal bevorzuge ich auch die Landessprache vor Ort beim Gespräch mit Personen nicht-einheimischer und anderer Herkunft als ich selbst. Wenn ich im Ausland Deutsche treffe, kommt für mich nur Deutsch in Frage, gleichgültig, wo es ist.

Überörtliche Sprachen haben ihren Platz dort, wo Menschen stark durchmischter Herkunft zusammentreffen und nicht regelmäßig miteinander zu tun haben. Auch Fachberichte, die sich an Menschen auf der ganzen Welt richten, werden auch sinnvollerweise in Sprachen veröffentlicht, die viele verstehen. Zusammenkünfte von Fachleuten aus der ganzen Welt sind ein klassisches Beispiel, wo der Gebrauch von Sprachen sinnvoll ist, die möglich viele Teilnehmer beherrschen.

Um Bewahrung einheimischer Sprachen und überörtliche Verständigung unter einen Hut zu bekommen, sehe ich Dreisprachigkeit als Lösung. Das bedeutet Beherrschung der einheimischen Sprache, einer Verkehrssprache im näheren biss mittleren Umkreis und eine Sprache, die im weiten Umkreis verstanden wird.

Unser Zeitalter bietet mit dem neuzeitlichen Bildungsgefüge die Voraussetzung, um dreisprachige Bürger heranzubilden. Das war früher nicht der Fall, als noch nicht alle eine Schule besucht haben.

Die einheimische Sprache sollte unbedingt zu den Hauptfächern für alle Schüler zählen. Dadurch wird gewährleistet, daß die einheimische Sprache im Volksbewußtsein bleibt und Schulabgänger wenigstens einige Kenntnisse in ihr haben. Muttersprachler und alle Kulturbewußten können sie so überall im Alltag gebrauchen. Davon ausnehmen würde ich Gebiete, wo Einheimische nur einen sehr geringen Anteil bilden, wie z. B. Neuengland oder das Gebiet rund um Sydney. Dort würde die einheimische Sprache als Hauptfach für alle wohl wütenden Widerstand auslösen.Aber überall sollten Schüler die Wahl haben, die oder eine einheimische Sprache zu lernen.

Irland bietet gute und schlechte Beispiele zugleich. Einerseits hat die Schulbildung dafür gesorgt, daß die irische Sprache nicht vergessen ist und von einigen auch etwas beherrscht wird. Andererseits hat man über ein paar Jahrzehnte vielerorts Schüler mit nicht kind- und jugendgerechten Schriftstücken abgestoßen.

Richtig ist es, daß nach Möglichkeit auch Schulzweige mit der jeweiligen Sprache als Schulsprache zur Verfügung stehen. Entweder für Kinder, deren Eltern sie zu Hause sprechen oder möchten, daß die Kinder in die Sprache eintauchen.

Bis heute gibt es Lehrer, welche die irische Sprache eher mangelhaft vermitteln. Dadurch ist viel Geld für wenig Gegenwert verschwendet worden. Nach rund 80 Jahren Irisch als Hauptfach für alle Schüler sollte man doch erwarten, daß jeder gebürtige Ire die Sprache etwas verstehen und sprechen kann. Aber dem ist nicht so.

Geld für mehrjährigen Sprachunterricht, wonach Schüler nur ein paar Brocken beherrschen, ist rausgeschmissen Geld. Man merkt in Irland, wer eher wirksame und wer eher mangelhafte
Irischstunden hatte. Wer irischsprachige Schulen besucht hat, dem merkt man das natürlich auch an.

In vielen Sprachbewegungen wird zu
wenig ins Blickfeld genommen, daß für das Weiterbestehen von Sprachen es ungemein wichtig ist, die Weitergabe von Eltern zum Kind wieder stärker in Gang zu bringen. Es braucht in kleinen Sprachgemeinschaften und noch mehr bei kleinen Volksgruppen selbstbewußte Leute, die einen anderssprachigen Partner überzeugen können, die kleinere Sprache als Haushaltssprache zu gebrauchen. Die mächtigere Sprache werden Kinder in aller Regel ohne Zutun auch lernen, wenn Bücher, Zeitungen, Rundfunk, Fernsehen und Schilder in dieser Sprache im Umfeld allgegenwärtig sind.

Mancherorts in Australien gibt es Sprachzentren, wo Schüler Sprachen lernen können, die an ihrer Schule nicht im Angebot sind und es als Leistung für die Schule anerkennen lassen können.

Englisch hat heute eindeutig die Nase vorn. Aber wer regelmäßig mit einem Land zu tun hat, sollte doch eher diese Sprache lernen statt auf Englisch zurückzugreifen.

Gewalt und Unfriede zwischen Völkern sind gewiß nicht auf die verschiedenen Sprachen zurückzuführen, sondern auf Macht- und Habgier der Menschen. Das Lernen anderer Sprachen ist eher zur Völkerverständigung geeignet, weil man sich dann mit dem anderen auseinandersetzt. Vielleicht ist die Sprachverwirrung auch neben der Verhinderung von gefährlichem Größenwahn für bessere Völkerverständigung geschehen.

Auch wenn alle eine Sprache sprechen, kann es Mißverständnisse geben oder bewußtes Fehldeuten von Aussagen zum Nachteil des anderen. Menschen, die sich verstehen wollen, werden sich verstehen, selbst wenn der andere die Sprache nicht vollkommen beherrscht.

Ich will keine gleichgeschaltete Welt! Romantik und Nostalgie sind genauso Teil des menschlichen Geistes wie Kosten-Nutzen-Überlegungen!


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19.01.2012, 14:31:35
Beitrag #2
RE: Gegen das Sprachensterben!
Hallo,
vielen Dank für die inspirierenden Worte. Ich kann dem Ganzen nur zustimmen. Ich finde es schade, dass von dem Weltottonormalbürger, der keiner Minderheit angehört, dieses Problem kaum wahrgenommen wird. Dabei ist das Sprachsterben genauso wie das Artensterben und Klimawandel ein sehr brisantes und wichtiges Thema.

Dass eine Familie zu der Mehrheitssprache wechselt, ist ihr nicht allzu böse zu nehmen. Dass sich viele so entscheiden, heißt wohl, dass es der natürliche Schritt ist. Allerdings kann man da ja gegensteuern. Das Problem, dass das so geschieht, ist ja, dass für Minderheiten- und Regionalsprachen keine Chancen angeboten werden. Nehmen wir das Beispiel Plattdeutsch: Das ist weder in der Berufswelt ein großer Vorteil noch kommt Plattdeutsch in der Öffentlichkeit außer einer halben Stunde anhand von Nachrichten vor. Wenn eine Familie nun vor der Wahl steht, wird sie sich immer eher für die Mehrheitssprache entscheiden, da sprachaktivistisches Verhalten meist nur Linguisten oder Sprachbegeisterten anheim ist.
Da die Medien eine dermaßen große Rolle tragen bei der Bildung des Öffentlichkeitsempfinden, solltet ihnen auch viel mehr die Rolle zukommen, Minderheitensprachen publiker zu machen. Plattdeutsche Werbung im Fernsehen, Plattdeutsche Plakate in Norddeutschland oder alleine nur plattdeutsche Produktbeschreibungen auf Produkten, nichts dergleichen gibt es auch nur ansatzweise. Wenn eine Familie allerdings in einer Welt aufwüchse, wo die Öffentlichkeit eben auch von (dann noch) Minderheitensprachen geprägt ist, wäre die Chance höher, dass sie auch bei dieser bleibt. Ebenso wenn Berufschancen entstünden. Ansätze gibt es dazu bereits, wenn Altersheime gerne Plattdeutschkenntnisse sehen, da im Alter bei vielen Personen eine Muttersprache wieder zum Vorschein kommt und die L2-Sprache vergessen wird. Außerdem gibt es schon Modelle von plattdeutschen Kindergärten oder Plattdeutsch an der Schule. In solchen Bereichen hätte eine Minderheitensprache halt wieder Berufschancen, weitere müssen aber noch gefördert werden.
Am zweitwichtigsten aber müssen die Menschen aufgeklärt werden, dass eine bilinguale Erziehung eben vorteilhafter ist als eine einsprache. Ebenso müssten Regierungen aufgeklärt werden, dass Sprachen kein Marker für etwas schlechtes sind und keine Sprache unterdrückt werden muss. (Selbst Frankreich müsste desbezüglich aufgeklärt werden -.-')
Ich würde es vielleicht sogar als sehr förderlich ansehen, wenn man ähnlich wie in Irland Familien finanziell unterstützt, die sich entschlossen haben, ihre Kinder in einer Minderheitensprache zu erziehen. Das kann vielleicht Nachteile bringen, dieses Modell, aber alleine dadurch würde sich das Prestige verbessern, wenn die Menschen merken: Oh, man wird bevorzugt, wenn man diese Sprache spricht, also muss sie gar nicht schlecht sein.


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19.01.2012, 18:49:25
Beitrag #3
RE: Gegen das Sprachensterben!
Deutschland ist, was Regionalsprachen angeht, noch rückständiger als Frankreich. In Frankreich werden Regionalsprachen schon lange in der Schule unterrichtet. Auch gibt es außerhalb der Schule zahlreiche Vereine, die Sprachkurse anbieten, an denen Jugendliche teilnehmen können. Die gibt es fast in jeder mittleren Stadt.

Vor Ort hat in Frankreich schon ein Umdenken stattgefunden. Die Regionen und Departements unterstützen auch Regionalsprachen. Es ist mir bekannt, daß Präsidenten von Regionen an den Senat geschrieben haben, weil man sich dort gegen Regionalsprachen ausgesprochen hatte. Es gibt in Frankreich wenigstens Rundfunksender, die vollständig in einer Regionalsprache senden. Aber selbst in Paris gestehen einige Politiker mittlerweile zu, daß Regionalsprachen im Bildungswesen ihren gerechtfertigten Platz haben.

Leider gibt es auch dort Sparzwänge, die Schulen veranlassen, ein Wahlfach zu streichen. Die Wahl könnte auf eine Regionalsprache fallen. Immerhin verursacht das in der Regel wütende Proteste von Eltern und Schülern. Wie es mit dem Unterricht an Schulen aussieht, liegt zu großen Teilen an der Politik der Regionen. Es gab einen Bericht, daß Lehrer sich mit Schülern im Cafe getroffen haben, um sie im Okzitanischen zu unterweisen, weil es amtlich nicht angeboten worden ist. Wenn ein Opfer nötig ist, dann sollte man lieber weit verbreitete Wahlfächer an einigen Schulen streichen.

Ich habe das Gefühl, daß das Ganze in Deutschland immer noch belächelt wird und man nur abwartet, bis sich das Problem von selbst erledigt hat. Lieber bemüht man sich um ein politisch korrektes Erscheinungsbild der Weltoffenheit mit Förderung für außereuropäische Zugewanderte und für Weltsprachen. Ich fühle mich als nicht bessergestellter Eingeborener von unserer Politik grob vernachlässigt. Ich habe das Gefühl, daß der Politik die einheimische Kultur einfach gleichgültig ist.

In Deutschland scheint es ein Tabu zu sein, einen würdigen Stellenwert von Regionalsprachen in der Gesellschaft einzufordern. Vor allen Dingen haben viele Bürger in Deutschland Hemmungen, Regionalsprachen im Alltag zu gebrauchen statt nur zur Belustigung an Heimatabenden. Da sind Sprachverfechter woanders in Europa anders gestrickt. In Deutschland gibt es tiefsitzende Minderwertigkeitsgefühle gegenüber der ureigeinen Kultur und Herkunftsbewußtsein. Ich empfinde die Stimmung gegenüber Regionalsprachen in Deutschland als feindseliger als in Frankreich. Es gibt einzelne Gegenden, wo das ein wenig anders ist.

Es sollte selbstverständlich sein, daß ein paar Sender ausschließlich in Niederdeutsch senden und es auf Schildern erscheint. Genauso auch Schulen, wo auf Niederdeutsch alle Fächer unterrichtet wird, außer das Fach Deutsch. Immerhin gibt es noch ein paar Millionen Menschen, die teilweise mit Niederdeutsch im Umfeld aufgewachsen sind. Ich wäre dafür, daß Niederdeutsch für alle Schüler im Sprachgebiet Hauptfach ist. Niederdeutsche Packungsaufschriften für Waren, die ins Sprachgebiet geliefert werden, wären doch machbar.

Am ehesten sehe ich Fortschritte im Saterland beim Saterfriesischen und in Ostfriesland.

Wenn Niederdeutsch eine eigene Sprache ist, dann muß das auch für Bairisch und Alemannisch gelten.

Vor allem für Muttersprachler sollte es selbstverständlich sein, die Kinder in der einheimischen Sprache zu erziehen. Was anderes sollte nicht in Frage kommen. Wer zu Hause Niederdeutsch lernt, der wird Standarddeutsch als Kind ohne Zutun lernen, weil es in Büchern, Zeitungen, in Rundfunk und Fernsehen sowie draußen in der Stadt allgegenwärtig ist. Das gilt auch für andere Länder mit Regionalsprachen und einer mächtigen Verkehrssprache.

Vom Geld zahlen für den Gebrauch einer Sprache halte ich wenig. Das sieht sehr nach der Brechstange aus und schafft böses Blut. Ich halte mehr von Aufklärung und der Aufnahme der Sprache in den Lehrplan als Hauptfach für alle Schüler.


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19.01.2012, 22:47:44
Beitrag #4
RE: Gegen das Sprachensterben!
Weil ich aus einer ehemals rätoromanischen Gegend komme, lerne ich ein Bisschen Rätoromanisch. Bisher kann ich einpaar einfache Sätze sagen und habe viel über die Lautentwicklungen von Latein her gelernt.

Ich mache schon lange Pläne für Häuser, wo man eine Weile wohnen könnte, um je nur eine seltene Sprache zu lernen und nur diese zu verwenden. Ich würde auch gerne ältere Sprachen wie Lateinisch und Altirisch aufnehmen, weil es schwer ist, das alleine so gut zu lernen, dass man es reden könnte. Man würde dort vor allem Sprachforschung betreiben und verschiedene Situationen schaffen, in denen man verschiedene Arten von Wörtern verwenden kann. Wenn das Haus von einer anderen Sprache in der Nähe wäre könnte es gegenseitig dazu motivieren Textsorten in der einen Sprache zu schreiben, die in der anderen Sprache mehr überliefert sind.

Es ist sehr schwer Menschen dazu zu bringen eine Sprache zu lernen. Vielleicht ist ihnen Geld dafür zu geben doch die beste Lösung. Ich würde mich daran auch beteiligen.


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19.01.2012, 23:28:23
Beitrag #5
RE: Gegen das Sprachensterben!
Zitat:Genauso auch Schulen, wo auf Niederdeutsch alle Fächer unterrichtet wird, außer das Fach Deutsch. Immerhin gibt es noch ein paar Millionen Menschen, die teilweise mit Niederdeutsch im Umfeld aufgewachsen sind. Ich wäre dafür, daß Niederdeutsch für alle Schüler im Sprachgebiet Hauptfach ist.
Also bisher gibt es keine Schule in Norddeutschland die ausschließlich niederdeutschen Unterricht anbietet. Es gibt ganz selten mal Schulen, die in ihrem regulären Unterrichtsplan Plattdeutsch vorgesehen haben, meistens gibt es nur eine AG oder vielleicht ein Wahlfach. Einen reinen niederdeutschen Unterricht könnte man erst machen, nachdem die Schüler auch Plattdeutsch gelernt hätten; das niederdeutsche Sprachgebiet ist zu dünn besiedelt mit schulreifen Plattdeutschsprechern, als dass eine rein niederdeutsche Schule denkbar wäre.

Zitat:Wenn Niederdeutsch eine eigene Sprache ist, dann muß das auch für Bairisch und Alemannisch gelten.
Wie kommst du denn auf die Aussage? Warum müsste das gelten? Plattdeutsch hat eine ganz andere Entwicklung als das Deutsche hinter sich, Bairisch und Alemannisch hingegen sind da enger mit dem Deutschen verwandt, schließlich basiert Deutsch auf den oberdeutschen Dialekten.

Zitat:Deutschland ist, was Regionalsprachen angeht, noch rückständiger als Frankreich.
Das finde ich nicht. Die Spracheinstellungen sind noch immer ziemlich schlecht. Außerdem hat Frankreich noch immer nicht die EU-Charta der Regional- und Minderheitensprachen ratifiziert und sagt noch immer in öffentlichen Anlässen, es gäbe keine Minderheiten in Frankreich, wozu aber die Bretonen, Sinti und Roma, Basken etc. gehören. Diese existieren aber öffentlich nicht. Außerdem werden kaum bis gar keine Gelder in den Erhalt von eben diesen Sprachen gesteckt. Der Rückgang der Sprachen ist enorm und bald wird Baskisch seinen Anteil in Frankreich auch verloren haben. Frankreich hat sogar Sprachgesetze, die es gebieten einen bestimmten Sprachanteil von Französisch in den Medien zu haben und schließen somit Regional- und Minderheitensprachen aus.

Zitat:Am ehesten sehe ich Fortschritte im Saterland beim Saterfriesischen und in Ostfriesland.
Ostfriesland ist noch immer eher die Hochburg des Plattdeutschen, da ließe sich sowas am ehesten ermöglichen. Beim Saterfriesischen wäre ich mir gar nicht mal so sicher. Die Saterfriesen haben noch nie eine große Minderheit gebildet, es waren immer wenige und sind es immer noch. Natürlich hat sich der Anteil immer weiter verkleinert. Werbung auf Saterfriesisch zu machen wäre eher nur möglich, wenn sich das Produkt oder so auch wirklich auf diese Region beschränke. Außerdem kommt Saterfriesisch da auch in den administrativen Bereichen vor. Allerdings sind die Saterfriesen ein sehr bescheidenes Völkchen, die sich nicht trauen, mit dem Geld, das sie vom Staat bekommen, Projekte zu finanzieren. Zuerst wäre auch das Projekt "Der kleine Prinz" auf Saterfriesisch daran gescheitert, bis man denen sagte, dass in deren Kasse noch was weiß ich nicht wie viel Geld lag.


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20.01.2012, 01:17:55
Beitrag #6
RE: Gegen das Sprachensterben!
Saterfriesisch ist der letzte Rest der alten emsfriesischen Mundart des Ostfriesischen. Früher war das Saterland also Teil des gesamten ostfriesischen Sprachraums. Man könnte vom Saterland aus die Sprache im gesamten Ostfriesland wiederbeleben.
Gemessen an der Größe der Sprachgemeinschaft gibt es dort doch ernsthafte Bemühungen, die Sprache wieder an Kinder weiterzugeben. Es hat teilweise bei Eltern und Großeltern wieder einen Sprachwechsel zurück gegeben. Saterfriesisch ist auch gewöhnliches Schulfach.
Ich sehe aber den Weg zur Zukunftssicherung am besten erfüllt, in dem man es wieder über das Saterland hinaus verbreitet. Im alten weserfriesischen Raum könnte man das, was vom Wangerooger Friesisch überliefert ist, zur Wiederbelebung heranziehen, weil es der am längsten noch gesprochene Teil des Weserfriesischen ist.

In Ostfriesland sehe ich die ernsthaftesten Bemühungen zur ,Rettung des Niederdeutschen. Ausgerechnet in einer Gegend, wo es ursprünglich nicht verwurzelt ist.

Ich habe davon gehört, daß es in Hamburg ein niederdeutsches Gymnasium geben soll mit den demnächst ersten Schülern, die ihr Abitur auf Niederdeutsch ablegen.

Um Schulen mit Niederdeutsch als Unterrichtssprache umzusetzen, müßte man beim Kindergarten mit dem Spracherwerb anfangen. Man könnte einen Anreiz schaffen, indem diese Kindergärten für alle, die einen Platz bekommen, kostenlos sind.
In Irland werden Gaelscoils auch von Kindern besucht, die Irisch nicht zu Hause gelernt haben. Angefeuert wird diese Bewegung dadurch, daß sie den Ruf haben, eine bessere Bildung als andere Schulen zu vermiiteln. Warum sollte das nicht im niedeutschen Raum klappen? Der Vorteil ist, daß es mit dem Deutschen verwandt ist und deshalb leicht zu lernen, was zwischen Irisch und Englisch nicht der Fall ist.

Standard-Deutsch gründet teils auf Oberdeutsch, teils auf Mitteldeutsch. Die meisten Ähnlichkeiten sehe ich mit mitteldeutschen Mundarten. Das nicht standard-deutsch beeinflußte Bairisch ist doch sehr verschieden, was den Rang Regionalsprache rechtfertigt. Beim unverfälschten Schwäbisch-Alemannisch sehe ich das genauso. Ich sehe einen deutlichen Unterschied in Lautung, Wortschatz und Grammatik zwischen dem Block Niederdeutsch/Mitteldeutsch und Bairisch.

Das Ohr, das an mitteldeutsche Mundarten gewohnt ist, versteht Niederdeutsch recht gut. Vor allem das Rheinische hat mit dem Niederdeutschen einige Gemeinsamkeiten. Beim unverwässerten Bairisch verstehe ich noch weniger als bei Niederdeutsch oder Holländisch. Auch von jemand anderem habe ich gehört, daß er nur in Oberbayern manchmal nichts verstanden habe.

Das Mitteldeutsche ist stark in örtliche Mundarten aufgespalten. Im mitteldeutschen Frankenland merkt man die gemeinsamen Wurzeln, aber die Gemeinsamkeiten reichen nicht aus, um von einer einzigen Sprache zu sprechen. Überall macht sich der Einfluß vom Nachbarn bemerkbar. Deshalb dürfte das Rheinische und Moselfränkische das ursprünglichste Fränkisch sein.

Die überzeugten Jakobiner lassen in Frankreich natürlich von sich hören. In Deutschland wird das nicht so deutlich ausgesprochen, aber ähnlich gedacht. In einem Absatz werden die Regionalsprachen in der französischen Verfassung nun genannt. Es gibt auch eine staatliche Stelle, die sich mit Regionalsprachen befaßt. Ich glaube, das ist die Commission aux langues de France. Man scheut sich in Frankreich, öffentlich von einem Vielvölkerstaat zu sprechen. Frankreich ist gewiß nicht fortschrittlich in Europa. Aber Deutschland und Griechenland ist da noch schlechter. Deutschland preist sich gerne als Musterknabe für Demokratie und freiheitliche Werte. Aber im Punkt Anerkennung von Regionalsprachen und stark abweichenden Meinungen sieht es hier besonders schlecht aus.

In Großbritannien hat sich die letzten Jahrzente sehr viel getan. Von Feindseligkeit gegenüber anderen Sprachen als Englisch hat es sich zur Unterstützung von denselben verändert. Walisisch ist nun seit 1999 Pflichtfach für alle Schüler. Das hat auch mir gegenüber eine Irin einmal anerkennend erwähnt.

Genauso stark verändert hat sich die Lage in Spanien seit dem Tod von Franco. In Südtirol hat sich auch ein grundlegender Wandel vollzogen.

Die Schweiz ist für mich Vorbild für einen Staat, in welchem es mehrere Amtssprachen gibt, aber vor Ort nur eine einzige allgemeingültige. Beim Rätoromanischen wird das leider nicht ganz so entschieden umgesetzt. Die Nicht-Anerkennung des Frankoprovenzalischen paßt nicht zur sonstigen Schweizer Sprachpolitik. Ich finde auch den Eiertanz zwischen Schriftdeutsch und Schweizerdeutsch merkwürdig. Folgerichtig wäre es gewesen, auf Grundlage der Schweizer allemanischen Mundarten eine eigene Schriftsprache einzuführen, als die Schweiz im 17. Jahrhundert unabhängig wurde. So etwas ist in den Niederlanden verwirklicht worden.


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20.01.2012, 18:50:18
Beitrag #7
RE: Gegen das Sprachensterben!
Zitat:Saterfriesisch ist der letzte Rest der alten emsfriesischen Mundart des Ostfriesischen. Früher war das Saterland also Teil des gesamten ostfriesischen Sprachraums. Man könnte vom Saterland aus die Sprache im gesamten Ostfriesland wiederbeleben.
Aber das Saterfriesische selbst wurde schon immer nur dort gesprochen, soweit ich weiß. Natürlich gehört es zum Ostfriesischen und das wurde auch in vielen Varietäten in ganz Ostfriesland gesprochen, aber nicht das Saterfriesische per se.

Zitat:Ich sehe aber den Weg zur Zukunftssicherung am besten erfüllt, in dem man es wieder über das Saterland hinaus verbreitet. Im alten weserfriesischen Raum könnte man das, was vom Wangerooger Friesisch überliefert ist, zur Wiederbelebung heranziehen, weil es der am längsten noch gesprochene Teil des Weserfriesischen ist.
Dem würde ich gar nicht mal unbedingt zustimmen. Denn genetisch gesehen bilden die Saterfriesen eine Ethnie, während im allgemeinen Ostfriesland nicht mehr von einer eigenen Ethnie gesprochen werden kann. Die eigentliche Ethnie, wenn man überhaupt davon sprechen kann noch, wären hier die Sachsen. Einer anderen Ethnie nun eine Sprache aufzuzwängen, die vielleicht mal auf dem Gebiet gesprochen wurde, halte ich für problematisch.

Zitat:Ich habe davon gehört, daß es in Hamburg ein niederdeutsches Gymnasium geben soll mit den demnächst ersten Schülern, die ihr Abitur auf Niederdeutsch ablegen.
Da verwechselst du etwas. In Hamburg sollte nur das Fach "Niederdeutsch" eingeführt werden und da dann die Möglichkeit, das als Fach im Abitur mit einzubringen. Das sollte aber für ganz Hamburg gelten, nicht nur ein einzelnes Gymnasium. Auch in Niedersachsen soll bald eventuell ein Pflichtfach Niederdeutsch eingeführt werden. Was aus den ganzen Fächern wird, weiß ich nicht; die Bundesländer stellen sich gerne stur und langsam an.

Zitat:Standard-Deutsch gründet teils auf Oberdeutsch, teils auf Mitteldeutsch. Die meisten Ähnlichkeiten sehe ich mit mitteldeutschen Mundarten. Das nicht standard-deutsch beeinflußte Bairisch ist doch sehr verschieden, was den Rang Regionalsprache rechtfertigt. Beim unverfälschten Schwäbisch-Alemannisch sehe ich das genauso. Ich sehe einen deutlichen Unterschied in Lautung, Wortschatz und Grammatik zwischen dem Block Niederdeutsch/Mitteldeutsch und Bairisch.

Das Ohr, das an mitteldeutsche Mundarten gewohnt ist, versteht Niederdeutsch recht gut. Vor allem das Rheinische hat mit dem Niederdeutschen einige Gemeinsamkeiten. Beim unverwässerten Bairisch verstehe ich noch weniger als bei Niederdeutsch oder Holländisch. Auch von jemand anderem habe ich gehört, daß er nur in Oberbayern manchmal nichts verstanden habe.
Es gibt durchaus linguistische Argumente, die für einen eigenen Sprachstatus stünden. Allerdings ist da die Lage noch immer etwas anders als beim Niederdeutschen, was die Sprachhistorie betrifft, die Pragmatik und etc. Viele der Varietäten dort sind nicht verschriftlicht. Sicher sind manche Varietäten schwer zu verstehen. Aber ich muss sagen als durch und durch Norddeutscher habe ich keine allzugroßen Probleme, tiefes Bairisch oder Allemannisch zu verstehen. Wo ich aber zustimmen würde, ist, das Schwytzerdütsch so langsam in den Sprachstatus zu heben, da dort der Gebrauch sich durchaus unterscheidet und die Bedeutung über eine reine Umgangssprache hinausgeht.

Zitat:Ich finde auch den Eiertanz zwischen Schriftdeutsch und Schweizerdeutsch merkwürdig.
Ich finde es nicht merkwürdig, sondern eher vorbildhaft. Das ist einer der seltenen Fälle, wo eine Low variety kein schlechteres Prestige hat als die High variety. Der Gebrauch der beiden Varietäten ist ziemlich klar umrissen. Die High variety hat zudem ein mittlerweile ziemlich schlechtes Ansehen und wird immer seltener gebraucht und wird wohl in einiger Zeit gänzlich verschwinden.


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20.01.2012, 18:56:13
Beitrag #8
RE: Gegen das Sprachensterben!
Für mich ist es auch schade, dass es keine festlandkeltischen Sprachen mehr gibt. Es wäre genug Platz dafür vorhanden. Man könnte zum Ausgleich auf dem Festland mehr inselkeltische Sprachen einführen. Das ist leichter, als zum Beispiel rekonstruiertes Gallisch zu nehmen, von dem man auch nicht weiß, wie es sich weiterentwickelt hätte. Vielleicht wäre Bretonisch gut, weil es, da es ja auf dem Festland gesprochen wird, einen passenden Symbolwert hat. Für Irisch spricht, dass viele Handschriften auf dem Kontinent gefunden wurden.


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20.01.2012, 20:55:08
Beitrag #9
RE: Gegen das Sprachensterben!
Zitat:Für mich ist es auch schade, dass es keine festlandkeltischen Sprachen mehr gibt. Es wäre genug Platz dafür vorhanden. Man könnte zum Ausgleich auf dem Festland mehr inselkeltische Sprachen einführen. Das ist leichter, als zum Beispiel rekonstruiertes Gallisch zu nehmen, von dem man auch nicht weiß, wie es sich weiterentwickelt hätte. Vielleicht wäre Bretonisch gut, weil es, da es ja auf dem Festland gesprochen wird, einen passenden Symbolwert hat. Für Irisch spricht, dass viele Handschriften auf dem Kontinent gefunden wurden.
Es gibt aber keine genaue Ethnie mehr der Festlandkelten. Wer sollte es also sprechen? Die Sprachen sollten erstmal dort gestärkt werden, wo sie auch real gesprochen werden. Man kann ja nicht einfach eine Sprache zufällig auswählen und sie einfach woanders ansiedeln. Das hat bisher so gut wie nie geklappt, wenn nicht einmal die Ethnie mehr existiert. Sowas hat nur einmal geklappt, wo eine Aboriginis in Australien ihre eigentliche Sprache schon verloren haben und einen anderen weiter entfernten Stamm fragten, ob sie ihre Sprache benutzen könnten, um etwas mehr ethnische Eigenheit zu haben, obwohl sie historisch nie diese Sprache sprachen oder auch nur irgendwie damit zu tun hatten. Dort spielt aber immer der Wunsch der jeweiligen Ethnie mit, die es hier aber nicht gibt, hier gibt es nur die wehmütige Traurigkeiten von Sprachaktivisten.


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20.01.2012, 21:27:49
Beitrag #10
RE: Gegen das Sprachensterben!
Ja, stimmt schon, dass das nicht so leicht machbar ist, aber es geht auch schwer, wenn es viele Menschen gibt, die sich mit der Sprache identifizieren. Vielleicht muss man sich nicht einmal viel mehr dafür anstrengen. Außer dem fühlen sich die Franzosen mehr als Gallier als als Römer und es kann gut sein, dass sie noch nahe mit den Galliern verwandt sind.


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21.01.2012, 00:58:44
Beitrag #11
RE: Gegen das Sprachensterben!
Die Ostfriesen sind genauso Friesen wie die Saterfriesen! Viele begreifen sich auch immer noch mehr als Friesen denn als Niederdeutsch sprechendes Volk. Das sieht man an verschiedenen Vereinen, wie z. B. Friesenrat. Ich habe sogar schon Beiträge gelesen, daß manche Ostfriesen nicht zu "einfachen Deutschen" werden wollen. Die Ostfriesen sind ein Teil der Friesen, die ihre eigene Sprache verloren haben. Sie tragen sogar teilweise noch Namen, die aus der friesischen Sprache stammen.

Saterfriesisch ist eine Mundart jener Sprache, die zum Erbe aller Ostfriesen gehört. Der Friesenrat hat auch schon einmal in Filsum Saterfriesischkurse abgehalten, um die ostfriesische Sprache ins Kernland zurückzubringen. Die Saterfriesen sind ein den Ostfriesen nahestehender Zweig der Friesen. Weil Saterfriesisch genauso zum Emsfriesischen gehört wie die alten Mundarten im westlichen Ostfriesland, liegt es nahe, die Sprache in Form des Saterfriesischen als noch lebende Mundart dort wieder zu beleben. In den weiter östlichen Frieslanden sollte das noch nicht so lange verstummte Wangerooger Friesisch als Grundlage dienen, weil es auch zum Weserfriesischen gehört wie die Mundarten dieser Gebiete.

Wenn ein Volk seine Sprache schon sehr lange ohne viel Aufzeichnungen verloren hat, liegt eher das Aneignen einer möglichst nah verwandten Sprache nahe.

Man stelle sich vor, die Europäer wären in einer Lage wie die Aborigines. Dann läge es doch näher, daß sich Waliser das Irische aneignen als das Russische. Noch besser wäre es, daß von beiden Zweigen des Keltischen eine Sprache erhalten oder gut aufgezeichnet ist.

Was die Aborigines und andere Völker von klassischen Einwandererländern betrifft, ist viel zu viel Zeit verschlafen worden. Die Zeiten der offenen Unterdrückung ist seit 40 - 60 Jahren vorbei. Da hätten Sprachwissenschaftler mit Sprechern schon tätig werden sollen, um Sprachen aufzuzeichnen und zu verschriftlichen.

Man muß aber auch den Muttersprachlern selbst vorwerfen, daß sie sich nicht so bald wie möglich die Schrift von Europäern angeeignet haben, um die Überlieferung ihrer eigenen Sprache aufzuschreiben.

Wir lernen in Deutschland alle nur Standard-Deutsch zu schreiben und zu lesen. Trotzdem können die meisten auch Schriftstücke in ihrer Regionalsprache schreiben und lesen, wenn sie diese mündlich beherrschen.

Es hätte nahegelegen, daß Aborigines oder Indianer angefangen hätten, die gelernten Schreibregeln aus dem Englischen mit Ergänzungen auf ihre Sprachen nach Gefühl zu übertragen. Es hätte nahegelegen, daß in jedem Stamm ein paar Leute Überlieferungen schriftlich festhalten, damit man in Zukunft immer darauf zurückgreifen kann. Im Laufe der Geschichte ist es immer wieder geschehen, daß Völker von anderen das übernommen haben, was sie zur Selbstbehauptung gut gebrauchen konnten. Es war schon vor 50 Jahren klar, daß sich Sprachen mit schriftlicher Überlieferung und Schreibstandard besser behaupten können.

Es liegt nahe, daß der Schwächere das Auftreten eines mächtigen Volkes durch Aufrüsten mit dessen Errungenschaften erwidert. So hatten es die Germanen schon gemacht. Als die Römer sie unterwerfen wollten, hatten sie schon genug von den Römern gelernt, um ihnen eine Niederlage beizubringen. Durch die Übernahme der Schrift und Baukunst von den Römern sind germanisch besiedelte Länder selbst mächtig geworden.

Zur Übernahme in Frankreich eignen sich britannische Sprachen, vor allem das Bretonische, am meisten, weil das Gallische die meisten Gemeinsamkeiten mit diesen hatte.


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21.01.2012, 12:17:11
Beitrag #12
RE: Gegen das Sprachensterben!
Das Entstehen und Vergehen von Sprachen ist ein natürlicher Prozess, den es vermutlich seit Jahrzehntausenden schon gibt. Lange Zeit war dieser Prozess jedoch halbwegs in einem Gleichgewicht, d.h. die absolute Sprachenvielfalt blieb halbwegs konstant. Dies hat sich in den letzten 5000, und ganz rapide in den letzten 500 Jahren geändert.

(19.01.2012 02:21:32)AlexderFranke schrieb:  Ich finde, daß es ein Verlust für Europa ist, daß heute nicht veränderte Formen des Gallischen, Iberischen usw. an Stelle der romanischen Sprachen gebraucht werden.
und
(20.01.2012 18:56:13)Privileg schrieb:  Für mich ist es auch schade, dass es keine festlandkeltischen Sprachen mehr gibt. Es wäre genug Platz dafür vorhanden. Man könnte zum Ausgleich auf dem Festland mehr inselkeltische Sprachen einführen.
Und wie soll man das erreichen? Soll man leute zwingen, diese Sprachen zu lernen und zu verwenden? Das ist dann genauso linguistischer Imperialismus wie der Zwang zur Weltsprache es wäre. Und wo will man da aufhören? Müssten wir dann nicht auch den Sprachen hinterhertrauern, die in unseren Breiten gesprochen wurden, bevor sie durch die indoeuropäischen Einwanderer verdrängt wurden? Von den Idiomen der Neanderthaler will ich gar nicht erst anfangen!

Ganz davon abgesehen: es gibt Sprachwandel. Man kann Althochdeutsch schön finden wie man will. Es hat sich weiterentwickelt, und wir werden es nicht "wiederbeleben" können. Es "lebt" aber weiter in den ganzen deutschen varietäten, die heutzutage noch quicklebendig sind.
Das Potential, sich verändern zu können, die Tatsache, einer stetigen Veränderung im Austausch mit der Umwelt zu unterliegen, ist Teil vieler Definitionen von 'Leben'. Fast alle Lebewesen, zumindest aber die höher entwickelten, unterliegen nicht ohne Grund einer Sterblichkeit. Das gilt für Individuen aber auch für Spezies und, im übertragenen Sinne, auch für Sprachen. Dass dem so ist, damit können sich manche nur schwer abfinden, das ändert aber nichts an der Tatsache als solcher.

Das gesagt, möchte ich aber festhalten: Das rezente allgemeine Sprachenaussterben vor allem außerhalb Europas ist, wieder vergleichbar dem Artensterben, eine äußerst bedauerliche Begleiterscheinung des menschlichen Ausbreitungsdranges, die vehement bekämpft werden sollte. Aber wie beim Artensterben gilt auch für die Sprachen: Die Ursachen müssen bekämpft werden, nicht die Symptome. Und das, bevor es zu spät ist. Wir können (derzeit) weder das Aussterben des Mammuts noch das des Gotischen ungeschehen machen.


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21.01.2012, 12:32:16
Beitrag #13
RE: Gegen das Sprachensterben!
Alexander, ich freue mich sehr, dass du so tolle Sachen schreibst. Ich werde jetzt die ganze Seite nochmal durchlesen, dass mir auch noch mehr dazu einfallen möge.


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21.01.2012, 13:32:24
Beitrag #14
RE: Gegen das Sprachensterben!
Sprachwandel ist natürlich. Ich sage auch nicht, daß ich mir wünschen würde, daß Gallisch in Frankreich so gesprochen würde wie vor 2.000 Jahren. Ich stelle mir vor, man würde heute von Alt-, Mittel und Neugallisch lesen. Man kann es nicht ungeschehen machen, aber es ist ein schwerer Verlust für Europa. Wir müssen verhindern, daß so etwas wie vor 1.500 Jahren in Westeuropa sich woanders in der Welt wiederholt.

Althochdeutsch ist nicht einfach verdrängt worden, sondern hat sich zu Neuhochdeutsch weiterentwickelt. Trotzdem ist es gut, wenn einige es verstehen lernen, um überliefertes Schrifftgut zu lesen. Es hat kein Bruch stattgefunden.

Das ist der Punkt: So lange eine Sprache noch irgendwie gebraucht wird und ein Volksbewußtsein übrig ist, kann man Leute noch davon überzeugen, die Sprache wieder zu lernen und an Kinder weiterzugeben. Zwang ist auf jeden Fall nicht wünschenswert. Die Neubelebung des Hebräischen war nur deshalb denkbar und möglich, weil es als Sprache der jüdischen Religion weitergepflegt wurde. So etwas wäre auch beim Koptischen möglich und denkbar.

Beim Englischen ist es ein Verlust, daß es sein rein germanisches Erscheinungs-bild verloren hat. Man kann vom teilweisen Sprachtod sprechen. Aber in Grundzügen ist noch genug Wortgut vorhanden, um Englisch wieder zu vergermanischen. Darauf zielt eine Gruppe ab und nennt das Ergebnis "Anglish".


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21.01.2012, 16:40:02
Beitrag #15
RE: Gegen das Sprachensterben!
Sogar wenn eine alte Sprache wieder verwendet würde, wäre das ein Vorbild für Menschen, die sich für Spracherhalt einsetzen wollen. Je älter eine Sprache ist, desto mehr kann man mit ihr zeigen, wie man den Wortschatz auf eine Weise auf den neuen Stand gebracht werden kann, dass ihre Besonderheit zugleich erhalten bleibt.

Wegen mehrsprachigen Verpackungen habe ich ein Beispiel. Die Produkte von Scotch Brite haben sind unter anderem vollständig auf Schottisch beschriftet.


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