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[Allg]: Allgemeines, Linguistik als Disziplin  » nicht erledigt Gegen das Sprachensterben!

10.03.2012, 17:32:45
Beitrag #31
RE: Gegen das Sprachensterben!
Moin moin,
ich habe ein Videoprojekt vor, das von kürzlich ausgestorbenen Sprachen in Europa. Der Zeitrahmen beträgt ungefähr die letzten zwei Jahrhunderte, plus minus einige Jahrzehnte ist natürlich auch okay. Die Sprachen sollten in Europa gesprochen worden sein, Europa im großen Verständnis. Gibt es dazu eine Liste, die noch mehr als diese hier auflistet, wenn nein, welche Sprachen fallen euch da noch ein? Am besten mit Randdaten, wann ausgestorben, Name der/des letzten Sprecher/in, wo gesprochen, etc.
Die Namen würden auch erstmal reichen, den Rest kann man ja auch nachrecherchieren. Vielen Dank für eure Hilfe.


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10.03.2012, 18:01:14
Beitrag #32
RE: Gegen das Sprachensterben!
(10.03.2012 17:32:45)Kevin schrieb:  Gibt es dazu eine Liste, die noch mehr als diese hier auflistet, wenn nein, welche Sprachen fallen euch da noch ein?

Ja, Norn, eine nordgermanische Sprache, die auf Orkney und den Shetlandinseln gesprochen wurde, und im 18/19. Jahrhundert ausstarb. Ein Forscher, der einiges dazu gemacht hat, ist Michael Barnes

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10.03.2012, 18:06:49
Beitrag #33
RE: Gegen das Sprachensterben!
(10.03.2012 17:32:45)Kevin schrieb:  Europa im großen Verständnis.

Also inklusive Sibirien, Kaukasus, Türkei, Grönland, französische Überseedepartements? Aetsch


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10.03.2012, 20:34:10
Beitrag #34
RE: Gegen das Sprachensterben!
Das so etwas in Amiland vorkommt, wundert mich nicht. Ein Teil der Bevölkerung unterstützt Englisch-Allein-Bestrebungen und ist feindselig gegenüber Mehrsprachigkeit eingestellt. Eine Netzseite einer Gegenbewegung erklärt, daß ausufernde Sprachverbote für Arbeitnehmer im Widerspruch zur US-merikanischen Verfassung stehen. Es wurde davon berichtet, daß Arbeitnehmern verboten worden ist, untereinander Spanisch zu sprechen. Anders liegt der Fall, wenn Mitarbeiter, welche die Sprache nicht verstehen, eindeutig das Gefühl bekommen, daß über sie hergezogen wird.

Wenn an genannter Schule so viele Indianer sind und das Stammesgebiet in der Nähe liegt, hätte der genannte Lehrer einmal bei den Lehrern in der Schule nachfragen können, ob jemand diese Sprache beherrscht und ihm sagen könne, was XY heißt. Es ist nicht ausgeschlossen, daß Schüler in einer anderen Sprache den Lehrer als Arschloch oder Ähnliches bezeichnet hat. Es kommt auch daauf an, wie ein Lehrer etwas sagt. Man kann in einem Ton, der nicht verletzt, sagen, daß er Sprache XY nicht versteht und er deshalb nicht sicher sein könne, daß da nicht über ihn Schlechtes geredet worden ist.

In Australien werden immerhin rund 80 australische Sprachen in Schulen gelehrt. Rund 130 Sprachen haben noch Sprecher. Wieviele Sprachen zwar keine Sprecher mehr haben, aber schriftlich festgehalten sind, weiß ich nicht. Ein australischer Bericht spricht sogar von rund 170 Sprachen, die noch Sprecher haben. Man sollte zu allen Stämmen, deren Sprachen am meisten vom Vergessen bedroht sind, Leute hinschicken, welche die Sprache aufzeichnen. Es müßte zu bewerkstelligen sein, rund 100 Leute loszuschicken, um Aufzeichnungen zu machen. Am besten äußert er oder sie sich insofern, daß einige Leute im Umkreis gerne etwas von der eingeborenen Überlieferung erfahren möchte und man dazu auch die Sprache lernen möchte.

Das gleiche gilt auch für Amerika. Es müßte machbar sein, auf dem ganzem Erdteil ein paar hundert Leute herumzuschicken, die Aufzeichnungen machen.

In Europa dürfte keine Sprache derart gefährdet sein wie manche Sprache in Australien und Amerika.

Alex


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10.03.2012, 21:42:45
Beitrag #35
RE: Gegen das Sprachensterben!
(10.03.2012 20:34:10)AlexderFranke schrieb:  Man sollte zu allen Stämmen, deren Sprachen am meisten vom Vergessen bedroht sind, Leute hinschicken, welche die Sprache aufzeichnen. Es müßte zu bewerkstelligen sein, rund 100 Leute loszuschicken, um Aufzeichnungen zu machen.
Große Quizfrage: wer soll das bezahlen?
Genügend linguistisch exzellent ausgebildete Nachwuchswissenschaftler gibt es mit Sicherheit und viele von denen würden gerne ihr Befrufsleben der Dokumentation bedrohter Sprtachen widmen. Aber selbst der Hans Rausing Fund, der äußerst üppig mit Mitteln ausgestattet ist, kann keine 100 oder 200 Sprachdokumentierer auf einmal bezahlen. Insgesamt bräuchte man wohl ein paar tausend Forscher auf einmal, denn die Situation in Afrika, Südamerika und Neuguinea ist ebenfalls ernst und im Laufe der nächsten zwei Generationen werden wir aller Voraussicht nach mehr als die Hälfte der heute noch gesprochenen Sprachen verlkieren. Nein, so lange die betroffenen Staaten USA und Australien nicht selbst massiv investieren, ist das schlichtweg nicht realisierbar.

Der zweite Faktor, der hier eine Rolle spielt, ist der: In den wenigsten Fällen werden Mitglieder der Sprachgemeinschaft selbst zu Sprachdokumentierern ausgebildet. D.h. die Dokumentation kommt in 99% der Fälle von außen, von Nichtmuttersprachlern. Für das linguistische Selbstbewusstsein einer Sprechergemeinschaft wäre es jedoch ein nicht zu unterschätzender Vorteil, wenn einer der ihren quasi "mit ihrer Sprache karriere macht".

Aus welcher Quelle Du die Zahl von 170 noch lebendigen australischen Sprachen hast, würde mich wirklich mal interessieren.

(10.03.2012 20:34:10)AlexderFranke schrieb:  In Europa dürfte keine Sprache derart gefährdet sein wie manche Sprache in Australien und Amerika.
Das hängt, wie in meinem letzten Beitrag schon angedeutet, auch wieder davon ab, wie Du "Europa" eingrenzt, und inwiefern Du bedrohte Dialekte gelten lassen möchtest.


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10.03.2012, 23:23:20
Beitrag #36
RE: Gegen das Sprachensterben!
Das Australian Bureau of Statistics gibt rund 170 australische Sprachen an. Es werden Sprachen ab 3 Sprechern aufgeführt.

Wenn man je Aufzeichner von einem Monatslohn von rund 5.000 Euro ausgeht, sind das Kosten von ein paar Millionen Euro jährlich je Erdteil. Das müßte zu stemmen sein. In Australien gibt es schon eine ansehnliche Zahl von Sprachzentren, die Aufzeichner in die Umgebung schicken können. Da sind überwiegend Ureinwohner tätig. Selbstverständlich sollten die Sprecher dazu angeleitet werden, daß sie selbst aufzeichnen. Am meisten ist Überzeugungsarbeit nötig, daß ihre Sprache es wert ist, festgehalten und an Kinder weitergegeben zu werden.

Zu Europa zähle ich Rußland bis zum Ural und den Kaukasus, nicht aber die Türkei und Sibirien. Ich zähle Niederdeutsch oder Bairisch als Sprache, nicht aber Schwäbisch, das ich als alemannische Mundart zähle. Ethnologue enthält rund 6.700 Sprachen, wobei z. B. deutsche Regionalsprachen als Sprachen für sich gezählt werden. Wenn man einige Sprachen als Mundarten einer einzigen Sprache zuordnet, dürfte die Zahl der Sprachen auf der Welt nur 2.000 oder 3.000 betragen. Für mich ist klar, daß Rheinisch sprachwissenschaftlich gesehen mit dem Standarddeutschen nah verwandt, aber eine Sprache für sich darstellt. Stadtkölsch wiederum ist ganz klar eine Mundart innerhalb der Rheinischen Sprache. Beim Vergleichen der Ortsmundarten untereinander werden überörtliche Zusammenhänge deutlich, was man als Sprache zählen sollte. Ortspolitische Gegensätze stehen auf dem andern Blatt. Die Unterschiede reichen manchmal einfach nicht, um etwas als Sprache zu zählen. Luxemburgisch ist eindeutig eine Form des Moselfränkischen, wie es in Luxemburg amtlich benutzt wird.

Alex


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11.03.2012, 08:39:43
Beitrag #37
RE: Gegen das Sprachensterben!
(10.03.2012 23:23:20)AlexderFranke schrieb:  Wenn man je Aufzeichner von einem Monatslohn von rund 5.000 Euro ausgeht,
Hehe Das ist ja ein Professorengehalt! Nee, die meisten (Post)Doktoranden müsen mit einem Bruchteil dessen auskommen. Aber seien wir großzügig und nehmen das als Berechnungsgrundlage für die laufenden Kosten inklusive Material, Reisespesen, Honorare für Informanten etc. und seien so optimistisch, dass man mit diesem Budget innert 3 Jahren fertig sein kann.

5.000 Eurodollar × 36 (Monate) × 2.500 (Sprachen) = 540.000.000 Euro 

Etwas mehr als eine halbe Milliarde Euro. Das wäre ein relativ günstiger Sprachen-Rettungsschirm, verglichen mit dem, was anderweitig an Geld verbraten wird. Aber:

(10.03.2012 23:23:20)AlexderFranke schrieb:  sind das Kosten von ein paar Millionen Euro jährlich je Erdteil. Das müßte zu stemmen sein.
Theoretisch ist das kein Problem. Praktisch liegen die Prioritäten anders. Aber lass mich jetzt nicht über Bankenrettungen, Militäretats und ähnliche Dinge anfangen.

(10.03.2012 23:23:20)AlexderFranke schrieb:  In Australien gibt es schon eine ansehnliche Zahl von Sprachzentren, die Aufzeichner in die Umgebung schicken können. Da sind überwiegend Ureinwohner tätig. Selbstverständlich sollten die Sprecher dazu angeleitet werden, daß sie selbst aufzeichnen. Am meisten ist Überzeugungsarbeit nötig, daß ihre Sprache es wert ist, festgehalten und an Kinder weitergegeben zu werden.
Zu aller erst müsste in der Gesellschaft – und ich meine jetzt die gesamte Gesellschaft, insbesondere auch die Sprecher der nicht bedrohten Mehrheitensprachen – ein Umdenken stattfinden. Es bringt gar nichts, wenn man den Sprechern der bedrohten Sprachen einredet, ihre Sprachen seien erhaltenswert usw., wenn sonst niemand dieser Auffassung ist bzw. dem "Rest der Welt" diese Sprachen gleichgültig sind.


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11.03.2012, 17:15:32
Beitrag #38
RE: Gegen das Sprachensterben!
Zitat:In Europa dürfte keine Sprache derart gefährdet sein wie manche Sprache in Australien und Amerika.
List of endangered languages in Europe
Dazu gesellen sich noch einige Saamisprachen, Saterfriesisch, Zymbrisch, etc.
Selbst im achsomoderenen Europa sterben Sprachen und es wird ziemlich wenig unternommen. Wie sollen wir uns dann um die ganze Welt kümmern, wenn wir hier noch nicht mal was wuppen?

@thf: Danke dir, das ist ein sehr gutes Beispiel. =) Muss ich nur noch mehr suchen. Die Listen bei Wikipedia sind ziemlich unvollständig, auch die Englische.


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14.03.2012, 00:21:15
Beitrag #39
RE: Gegen das Sprachensterben!
Ich behaupte auch nicht, daß in Europa kein Handlungsbedarf besteht. Ich würde gerne sehen, daß in Europa keine Sprache ein Nischendasein führt, sondern im Stammgebiet von jedem Bürger gesprochen wird.

Wir sind aber weit von Verhältnissen bei australischen und amerikanischen Ureinwohnern und in Afrika entfernt. Fast alle Sprachen, die nicht schon vor sehr länger Zeit ausgestorben sind, haben noch irgendwelche Sprecher und sind schriftlich festgehalten. Überall gibt es Vereine, die für den Fortbestand eintreten. Es gibt leider ein paar wenige Ausnahmen, wo mir ein paar samische Sprachen sowie Istriotisch und Megleno-Rumänisch einfallen. Die deutschen Regionalsprachen haben noch Sprecher im Hunderttausender- und Millionencereich. Auf lange Sicht sehe ich sie aber unter den am stärksten gefährdeten Sprachen In Europa.

Saterfriesisch und Nordfriesisch haben zwar wenige Sprecher, aber es gibt nennenswerte Umtriebe für den Fortbestand. Bei den Sorben und Friesen gibt es Schulunterricht in nennenswertem Umfang, wovon man bei den deutschen Regionalsprachen im engeren Sinn weit entfernt ist.

Es war am Ende der Römerzeit, als Europa durch das Verschwinden von vorromanischen Sprachen in Westeuropa den größten Verlust erlitten hat.

Wieviel gegengesteuert wird, ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Das Schlußlicht bilden wohl Deutschland und Griechenland. Wie es in Rußland und der Ukraine aussieht, darüber weiß ich nicht viel. Ich weiß nur, daß die Regionalsprachen in russischen Teilrepubliken amtlichen Status haben sowie Russisch und Ukrainisch in der Ukraine nebeneinander bestehen. Weißrussisch in Weißrußland könnte auf lange Sicht auch stark gefährdet sein, wenn die Entwicklung sich so fortsetzt.

Ausgerechnet in Deutschland, das gegenüber anderen Ländern gerne eine große Klappe hat, kümmert man sich wenig um den Fortbestand der Regionalsprachen, wenn man von Sorbisch und Friesisch absieht. Ich habe das Gefühl, daß die Politik sich viel mehr um die Bedürfnisse der hier lebenden Fremdländer und ein Erscheinen Deutschlands als weltoffenes Land kümmert als die Bewahrung einheimischer Kulturlandschaften.

Alex


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14.03.2012, 10:04:11
Beitrag #40
RE: Gegen das Sprachensterben!
(14.03.2012 00:21:15)AlexderFranke schrieb:  Ich behaupte auch nicht, daß in Europa kein Handlungsbedarf besteht. Ich würde gerne sehen, daß in Europa keine Sprache ein Nischendasein führt, sondern im Stammgebiet von jedem Bürger gesprochen wird.
Das wird sich wohl nicht (mehr) erreichen lassen. Zumindest nicht ohne undemokratische bzw. rechtsstaatsferne Methoden.

(14.03.2012 00:21:15)AlexderFranke schrieb:  Wir sind aber weit von Verhältnissen bei australischen und amerikanischen Ureinwohnern und in Afrika entfernt. Fast alle Sprachen, die nicht schon vor sehr länger Zeit ausgestorben sind, haben noch irgendwelche Sprecher und sind schriftlich festgehalten. Überall gibt es Vereine, die für den Fortbestand eintreten.
Kennst Du die Frage aus dem Asterix-Vorspann? In Anlehnung daran frage ich: Überall?

(14.03.2012 00:21:15)AlexderFranke schrieb:  Es gibt leider ein paar wenige Ausnahmen, wo mir ein paar samische Sprachen sowie Istriotisch und Megleno-Rumänisch einfallen. Die deutschen Regionalsprachen haben noch Sprecher im Hunderttausender- und Millionencereich. Auf lange Sicht sehe ich sie aber unter den am stärksten gefährdeten Sprachen In Europa.
Möge @Kevin mich korrigieren, aber beim Niederdeutschen, das angeblich Millionen Sprecher hat, muiss man sehr deutlich unterscheiden zwischen LÖeuten, die sich zu der Sprache bekennen und solchen, die die Sprache wirklich beherrschen, und zwar nicht nur ein abgeflachtes, vereinheitlichtes "Fernsehplatt", sondern eine authentische, lokale Varietät.

(14.03.2012 00:21:15)AlexderFranke schrieb:  Saterfriesisch und Nordfriesisch haben zwar wenige Sprecher, aber es gibt nennenswerte Umtriebe für den Fortbestand. Bei den Sorben und Friesen gibt es Schulunterricht in nennenswertem Umfang, wovon man bei den deutschen Regionalsprachen im engeren Sinn weit entfernt ist.
Stimmt. Wobei wir in der Grundschule durchaus gelegentlich westfälisches Platt im Unterricht gesprochen haben. (Zumindest die Eingeborenen.)

(14.03.2012 00:21:15)AlexderFranke schrieb:  Es war am Ende der Römerzeit, als Europa durch das Verschwinden von vorromanischen Sprachen in Westeuropa den größten Verlust erlitten hat.
Ich denke, das Entstehen der Nationalstaaten hat das Seinige dazu beigetragen.

(14.03.2012 00:21:15)AlexderFranke schrieb:  Wieviel gegengesteuert wird, ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Das Schlußlicht bilden wohl Deutschland und Griechenland. Wie es in Rußland und der Ukraine aussieht, darüber weiß ich nicht viel. Ich weiß nur, daß die Regionalsprachen in russischen Teilrepubliken amtlichen Status haben sowie Russisch und Ukrainisch in der Ukraine nebeneinander bestehen. Weißrussisch in Weißrußland könnte auf lange Sicht auch stark gefährdet sein, wenn die Entwicklung sich so fortsetzt.
Der amtliche Status hilft auch nicht viel, wenn es keinen interessiert und eh alle Russisch sprechen (müssen).

(14.03.2012 00:21:15)AlexderFranke schrieb:  Ausgerechnet in Deutschland, das gegenüber anderen Ländern gerne eine große Klappe hat, kümmert man sich wenig um den Fortbestand der Regionalsprachen, wenn man von Sorbisch und Friesisch absieht. Ich habe das Gefühl, daß die Politik sich viel mehr um die Bedürfnisse der hier lebenden Fremdländer und ein Erscheinen Deutschlands als weltoffenes Land kümmert als die Bewahrung einheimischer Kulturlandschaften.
Mich beschleicht eher das Gefühl, dass beides nur äußerst halbherzig betrieben wird.


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14.03.2012, 19:20:02
Beitrag #41
RE: Gegen das Sprachensterben!
Zitat:Wieviel gegengesteuert wird, ist von Land zu Land sehr unterschiedlich. Das Schlußlicht bilden wohl Deutschland und Griechenland.
Das kannst du so nicht sagen. Deutschland tut nicht allzu wenig. Es werden schließlich Gelder jährlich für die Förderung ausgegeben, zumal wir ja auch die EU-Charta ratifiziert haben. Irland ist noch krasser und ist deshalb schon dem Bankrott nahe. Das wirkliche Schlusslicht im Westen ist eindeutig Frankreich, für die Französisch das einzig Wahre ist, es offiziell keine Minderheiten gibt, sie als verleumdet werden und für die kein Pfennig ausgegeben wird.
Deutschland macht zwar immer noch wenig, es gibt keine ausreichenden Gesetze und Beschlüsse, was Niederdeutsch in den Schulen angeht. Es muss entweder Immersionsschulen geben, was die beste Lösung wäre oder zumindest in der Grund- und den weiterführenden Schulen Niederdeutsch als verpflichtendes Fach geben. Wenn es als Wahlfach oder als AG oder sonst was angeboten wird, passiert da auch nicht wirklich viel... Überhaupt muss sich der Staat auch daran beteiligen, Niederdeutsch auch in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Es gibt das weder in den Medien noch in der Werbung oder sonst wo. Ich könnte mich grad ellenlang auskotzen darüber... Zwinker

Zitat:Bei den Sorben und Friesen gibt es Schulunterricht in nennenswertem Umfang, wovon man bei den deutschen Regionalsprachen im engeren Sinn weit entfernt ist.
Bei den Sorben gibt es sogar Immersionsschulen, was ich sehr gut finde. Sie machen allerdings der Reihe nach zu, weil ihnen die Schüler ausgehen. Welches Friesisch meinst du denn? Saterfriesisch gibt es nur in geringem Umfang in der Schule und führt nicht zu einer wirklichen Sprachkompetenz und Nordfriesisch wird ebenfall nur hie und da an der Schule unterrichtet und führt ebenso zu keiner richtigen Kompetenz.

Zitat:Möge @Kevin mich korrigieren, aber beim Niederdeutschen, das angeblich Millionen Sprecher hat, muiss man sehr deutlich unterscheiden zwischen LÖeuten, die sich zu der Sprache bekennen und solchen, die die Sprache wirklich beherrschen, und zwar nicht nur ein abgeflachtes, vereinheitlichtes "Fernsehplatt", sondern eine authentische, lokale Varietät.
Keine Sorge, ich stimme dir zu. Man kann davon ausgehen, dass 10 Millionen Menschen in Norddeutschland mindest passiv verstehen. Von diesen 10 Millionen sprechen 1-2 Millionen Menschen Plattdeutsch als Muttersprache oder haben eine gute Kompetenz. Wie viele von diesen Plattdeutsch auch wirklich im Alltag gebrauchen, weiß ich nicht.


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14.03.2012, 20:29:16
Beitrag #42
RE: Gegen das Sprachensterben!
Was Sprachförderung, von Friesisch und Sorbisch mal abgesehen, angeht, sind Deutschland und Griechenland eindeutig Schlußlicht in Europa. Das gilt auch für den guten Willen auf den meisten politischen Ebenen. Warum ich dieser Meinung bin, erkläre ich unten.

Frankreich ist gewiß kein Vorzeigeland in dieser Hinsicht. Trotzdem sollte man es nicht schlechter machen als es ist. Denn auf regionaler Ebene gibt es seit einigen Jahren durchaus den guten Willen gegenüber Regionalsprachen.

Es stimmt nicht, daß in Frankreich kein Pfennig für Regionalsprachen ausgegeben werden. Die Regionen geben zusammengenommen zugunsten von Regionalsprachen einige Millionen Euro jedes Jahr aus. Das kann man auf der Netzseite der Region Midi-Pyrrhenées nachlesen. Wie es bei den Départements aussieht, weiß ich nicht genau. Wer den Schulunterricht für Regionalsprachen bezahlt, weiß ich auch nicht. Auf zentralstaatlicher Ebene gibt es feindselig gesinnte und wohlwollende Politiker. Von dem Umfang, in welchem Regionalsprachen in Schulen unterrichtet werden, kann man bei deutschen Regionalsprachen bisher nur träumen. Es gibt vereinzelt sogar Eintauchunterricht. Gewiß gibt es in Paris Politiker, welche das Erreichte immer wieder in Frage stellen und wieder zurücknehmen wollen. Da müssen die Leute vor Ort auf der Hut sein. Nichtsdestotrotz habe ich eine Nachricht gelesen, daß die Akademie Toulouse demnächst allen Grundschülern eine Einführung ins Okzitanische zukommen lassen und das Angebot ausbauen will.

Nicht zuletzt gibt es zahlreiche Veranstalter von Sprachkursen in den verschiedenen Sprachstammgebieten in Frankreich, die auch Jugendliche besuchen können. Dieses Angebot wird vor Schulabschlußprüfungen zur Vorbereitung auch zusätzlich genutzt.

Ich habe Saterfriesisch und Nordfriesisch der Einfachheit halber zusammengefaßt, weil das Ausmaß der Bemühungen um den Fortbestand bei beiden im Stammgebiet ähnlich ist. Außer bei Friesisch und Sorbisch gibt es nur sehr liederlichen Unterricht von Niederdeutsch in Form von AGs und dergleichen. Bei anderen Regionalsprachen gibt es fast gar nichts Ernsthaftes. Sprachkurse außerhalb des Schulwesens sucht man meist vergeblich. So ähnlich sieht es in Griechenland mit den Sprachen von Minderheitsgruppen aus. In Griechenland werden Sprachminderheiten zentralstaatlich noch stärker nicht wahrgenommen als in Frankreich. In Frankreich werden sie jetzt immerhin in einem Nebensatz der Verfassung und in Schulbestimmungen erwähnt.

Ja, ich wünschte mir auch die deutschen Regionalsprachen als verpflichtendes Schulfach sowie Rundfunk- und Fernsehsender, welche ausschließlich in einer Regionalsprache senden. Sie sollten neben Deutsch auch im Grundgesetz erwähnt werden. Neben Niederdeutsch zähle ich auch Bairisch, Alemannsich und andere zu den Regionalsprachen. Niederdeutsch ist bei weitem die Regionalsprache mit dem größten Einzugsgebiet und nähert sich am meisten einem überörtlichen Standard an. Gegenüber rund 30 Millionen Einwohnern sind ein paar Millionen Sprecher schon wenig genug. Alle Regionalsprachen im engeren Sinn haben Einzugsgebiete von ein paar oder einigen Millionen Einwohnern. Da sind mehrere Hunderttausend Sprecher auch recht wenig.

Eine Ortsmundart ist für mich nicht das Maß aller Dinge. Um einer Sprache mehr Geltung zu verschaffen, ist ein überörtlicher Standard sogar von Vorteil. Für mich ist nur entscheidend, inwiefern der standarddeutsche Einfluß den Wortschatz und die Grammatik einer Regionalsprache in seiner Eigenheit zerstört. Das Mittelniederdeutsche hatte übrigens eine eigene überörtliche Schriftsprache, die innerhalb der Hanse weitverbreitet war. Es gibt niederdeutsche Lehnwörter z. B. im Dänischen. Das Standarddeutsche war zu jener Zeit noch recht wenig verbreitet. Übrigens hat es vor Erscheinen des Standarddeutschen schon Vereinheitlichungen in Form von sogenannten Schreibsprachen gegeben. Amtliche Erlässe und Bekanntmachungen wurden z. B. eine Zeitlang in diesen Schreibsprachen verfaßt.

Ein Schweizer hat mir einmal geschrieben, daß in der Schweiz eine Annäherung und Vermischung der Ortsmundarten vor allem in Städten ohne starke Verwässerung in Richtung Standarddeutsch stattfindet. Ich fände es folgerichtiger, wenn man sich in der Schweiz früher für eine eigene Schriftsprache auf Grundlage eines Mundartausgleiches zum amtlichen Gebrauch entschieden hätte so ähnlich wie es in den Niederlanden ab dem 17. Jahrhundert verwirklicht worden ist. Das Standard-Niederländische fußt auf den niederfränkischen Mundarten von Brabant und der sogenannten Randstad.

Alex


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14.03.2012, 20:43:41
Beitrag #43
RE: Gegen das Sprachensterben!
Eine grundsätzliche Anregung:
(14.03.2012 20:29:16)AlexderFranke schrieb:  Das kann man auf der Netzseite der Region Midi-Pyrrhenées nachlesen.

Bei so etwas nutze doch bitte den Vorteil des Internets und platziere auch einen passenden Link. Das erspart anderen das Googeln. Danke.


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14.03.2012, 23:32:43
Beitrag #44
RE: Gegen das Sprachensterben!
Der Verweis klappt nicht mehr. Deshalb habe ich diese Tabelle einmal einfach kopiert und hier eingefügt. Auf Wikipedia gibt es eine Vergleichstabelle zu den Ausgaben von ein paar Regionen für Regionalsprachen.

Comparaison d'aides publiques pour les langues régionales en France150
Région Langue Population Budget Ratio par habitant
Aquitaine Basque 260 000 800 000 € 3,07 €
Aquitaine Occitan 2 910 000 800 000 € 0,27 €
Bretagne Breton 3 139 000 7 000 000 € 2,23 €
Languedoc-Roussillon2 594 000 2 800 000 € 1,07 €
Occitan
Midi-Pyrénées 2 833 000 1 350 000 € 0,48 €
Occitan

Hier zwei Verweise auf die Seite der Region Midi-Pyrrenées, leider nur auf Französisch:
http://www.midipyrenees.fr/-Actualite-La...e-et-de-la
http://www.midipyrenees.fr/La-region-un-...e-occitane

Das erste sind Angaben, wieviel unmittelbar zugunsten des Okzitanischen im Haushalt vorgesehen ist. Das Zweite beschreibt im Allgemeinen, was die Region für das Okzitanische unternimmt.

Alex

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14.03.2012, 23:42:16
Beitrag #45
RE: Gegen das Sprachensterben!
Ich muss trotzdem sagen, dass ich Deutschland nicht schlimmer als Frankreich finde. Frankreich hat zahlreiche Gesetze, die den Gebrauch von Minderheitensprachen (oder wie Frankreich es gerne hätte "Regionalsprachen") in bestimmten Domänen ganz klar verbieten, wie zum Beispiel Werbung etc.
Ich empfinde es als viel schlechter, öffentlich und staatlich verleumdet zu werden und nicht unterstützt zu werden und zu spüren, dass von staatlicher Seite vehement gegen einen gearbeitet wird mit Zwangsumsprachlichungen etc. Auch in Deutschland werden die Regional- und Minderheitensprachen stark bezuschusst und unterstützt. Natürlich nicht genug, aber einige Millionen fließen da über die Jahre auch rein. Ich habe im Institut für Niederdeutsche Sprache gearbeitet und habe immer mal so mitbekommen, wie viel da bezahlt wird.

Zitat:Sprachkurse außerhalb des Schulwesens sucht man meist vergeblich.
Es gibt viele Volkshochschulkurse und auch an einigen Unis viele Angebote zum Niederdeutschen. Ich bin selbst auch Volkshochschullehrer für Plattdeutsch =)

Zitat:Ein Schweizer hat mir einmal geschrieben, daß in der Schweiz eine Annäherung und Vermischung der Ortsmundarten vor allem in Städten ohne starke Verwässerung in Richtung Standarddeutsch stattfindet.
Ich kenne es genau andersrum. Die Mundarten und selbst auch das Schweizer Hochdeutsche entwickeln sich immer mehr vom Standarddeutschen weg, weil es dort dermaßen verpöhnt ist. In immer mehr Domänen herrscht das Schwytzerdütsch vor und entwickelt sich immer mehr zur Abstandssprache.

Zitat:Neben Niederdeutsch zähle ich auch Bairisch, Alemannsich und andere zu den Regionalsprachen.
Wie kommst du dazu? Linguistisch gesehen sind dies eher Varietäten der deutschen Sprache. Und was meinst du mit andere?


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